Am Sonntag sind Kommunal- und Europawahlen. Für den Tübinger Gemeinderat bewerben sich 40 Kandidatinnen und Kandidaten aus neun Parteien. Auch die 22 Sitze im Kreistag werden neu besetzt. Rund 69 000 Wahlberechtigte ab 16 Jahren können ihre Stimme abgeben, knapp 64 000 ab 18 Jahren an der Europawahl teilnehmen. Wegen einer Panne in der Druckerei waren bis Ende vergangener Woche nur zirka 90 Prozent der Wahlunterlagen in Tübingen zugestellt. Es gab Probleme. Deutet sich hier eine neue Krise im Print-Gewerbe an? Wenn ja, dann korreliert sie mit der ebenfalls krisenhaften geistigen Konstitution von politischen Werbestrategen und deren Content-Auftraggebern. Diese setzen neuerdings auf Humor, oder das, was sie dafür halten. Nicht alle, aber einige. Manche Slogans kommen immer noch ziemlich altbacken daher, so wie vor 20, 30 Jahren: Die einen wollen für die Stadt da sein, andere fordern Solidarität. Mehr Geld, mehr Vernunft, mehr Wachstum, mehr Konsequenz, mehr kluge Politik und so weiter. Anders die neuen Witzbolde.

So hat die CDU Plakate mit der Aufschrift »Palmer entlasten! Mehr Ordnungskräfte!« aufgestellt. Unter den Zeilen prangt ein goldener Sheriff-Stern auf leuchtend orangefarbenem Hintergrund. Das ist lustig gedacht, weil Anspielung auf einen gewissen Vorfall in der Uni-Stadt. Doch der vermeintliche Scherz läuft ins Leere. Laut Lichtkreis-Theorie nämlich gilt die Farbe Orange als Kraftspender nach physischer oder seelischer Erschöpfung. Eine ernste Sache also. Wer soll sich angesprochen fühlen? Ein ausgebrannter OB? Wohl kaum. Wähler, die müde und schlapp sind? Warum interessiert sich die CDU ausgerechnet für die? Im Buddhismus hingegen symbolisiert die Farbe Orange die höchste Stufe der menschlichen Erleuchtung. Das kommt hin! Die CDU meint sich selbst.

»Netz geht’s los«, kalauert ein Poster der SPD. Ein müder Wortwitz in einem Halbsatz, über den alle lachen sollen. Der, zumal grammatikalisch falsch, von Vorbeifahrenden kaum verstanden wird. »Freies WLAN in der Stadt« steht klein geschrieben in der Zeile darunter. Jetzt kapiert! »Die Partei« wirbt mit dem Slogan »Die Palmer, die!« und behauptet, Palmers Tochter zu haben. Den Berufs-Spaßmachern bereitet es augenscheinlich großes Vergnügen, wenn zwei Menschen, die nicht miteinander verwandt sind, gleiche Namen tragen. Also beide Müller heißen, oder Kunze, oder eben Palmer. Eine Riesen-Gaudi. Und da der Vater von Partei-Kandidatin Nora Palmer vermutlich auch Palmer heißt, stimmt’s sogar hinten und vorne. Getreu dem Motto »Holz zu Holz gesellt sich gern« haben die Grünen ausgerechnet in der mit Abgasen hochbelasteten Mühlstraße ihr Plakat »Eine mutige Gesellschaft lässt sich keine Angst machen« an einen geschundenen Baum gedübelt. Angst?

Gewöhnlich gibt’s immer welche, die vor irgendetwas Angst haben, die einen mehr, die anderen weniger. Manche haben auch so gut wie nie Angst. Aber wie kann sich dann eine ganze Gesellschaft »Angst machen« lassen? Vor allem, von wem? Und wer spricht ihr Mut zu? Vermutlich die Grünen. Oftmals sprachlich geradezu unverständlich sind Passagen aus Partei-Programmen zur Europawahl, wie eine Studie von Kommunikationswissenschaftlern der Universität Hohenheim zeigt. Das Forscherteam hat daraus eine Liste von Wörtern und Begriffen zusammengestellt, darunter »Seigniorage-Programme« (AfD), »Flexicurity« (Die Linke), »Think-Small-Frist-Prinzip« (FDP), »Keylogger« (Die Linke), »Friedensfaszilität« (AfD), »Power-to-X« (FDP), »Notice-and-take-down-Verfahren« (Die Grünen) und »Dual-Use-Verordnung« (Die Grünen). Nicht besser steht es um Wortzusammensetzungen. Die Studie zitiert: »Luftschadstoffqualitätsbestimmung« (FDP), »Folgenbeseitigungsverfügungen« (SPD) oder Fingerabdruckidentifizierungssystem« (CDU/CSU). Wem das jetzt alles reicht, dem sei gesagt: erstmal wählen gehen!