Butter ist auch in Tübinger Supermärkten sündhaft teuer geworden. Praktisch verdoppelt hat sich der Preis für das halbe Pfund binnen eines Jahres. Woran das liegen mag, darüber wird spekuliert. Zu viele Bauern, die nach dem Milchpreis-Dumping aufgegeben haben? Russland-Sanktionen? Schlechtes Wetter anderswo auf dem Weltmarkt? In Frankreich, dem Mutterland der Butter-Feinschmecker, herrscht akuter Buttermangel. Die werde zu den hiesigen Hochpreisen gerade natürlich in Deutschland verkauft, heißt es dort. Markt halt. Vielleicht spielt aber auch ein bisschen eine Rolle, dass sich was geändert hat am Image der Butter. Sie galt als das helle Gift für die Figur. Und – neben dem Gelben vom Ei – vor allem als die geradezu tödliche Cholesterin-Bombe schlechthin. Nur Muttermilch enthält noch weit mehr Cholesterin. Inzwischen hat der Cholesterin-Wahn wohl allmählich sein schleichendes Ende gefunden. Er hatte in den Fünfzigerjahren mit zurechtgefälschten Statistiken eines korrupten amerikanisches »Forschers« namens Ancel Keys begonnen. Das Märchen vom bösen Cholesterin – einem der wichtigsten Grundstoffe im menschlichen Körper überhaupt, vor allem auch für Hirn und Nerven – erfasste nicht nur die Lobbyisten der Nahrungsmittelindustrie, sondern nach und nach auch die medizinische und pharmazeutische Forschung. Dann die Pharma-Referenten, die Ärzte, schließlich die Patienten.
Meine Tübinger Ärztin habe ich neulich gefragt, ob sie - wider weitgehend besseres Wissen - immer noch Cholesterinsenker (Statine) verschreibe. Das sind diese inzwischen mindestens umstrittenen teuren Massen-Medikamente, die so lange als unverzichtbar galten gegen Herzinfarkt und Arteriosklerose, sich aber als weitgehend wirkungslos erwiesen haben und in ihren teils drastischen Nebenwirkungen (Gehirn, Muskeln, Nieren) als schädlich, möglicherweise hochgefährlich. Unter Umständen sogar als tödlich. 
Das zeigte der hierzulande verschwiegene milliardenschwere »Lipobay«-Skandal um das Bayer-Statin. Für Schwangere und stillende Mütter sind diese Cholesterin-Senker übrigens strengstens verboten, »kontra-indiziert«. Ohne ausreichende Cholesterin-Versorgung kommen hirngeschädigte Kinder zur Welt. Manche ihrer Patienten würden das Zeug aber nach wie vor »vehement verlangen«, sagte meine Ärztin etwas kleinlaut. Und die Messung des Cholesterin-Spiegels sei »halt Standard geworden«. Dabei wusste man eigentlich längst: Das aufgenommene Cholesterin aus Butter, Eiern und all den tierischen Fetten spielt überhaupt keine wesentliche Rolle im Stoffwechsel. Der Körper stellt sein Cholesterin, ob »gutes« oder »schlechtes«, im Wesentlichen selber her, ganz unabhängig von der Ernährung, überwiegend in der Leber. Er braucht es.
Aber die industriell hergestellten »gesunden« Kunstfette sind natürlich jahrzehntelang ein lukrativer Milliarden-Markt gewesen - wie Süßstoffe, degenerierte Soja-Tofus und fettarme Milchprodukte. »Nicht ohne meine Diät-Margarine«, sagten Ernährungsbewusste vor jeder Reise. Bis es das Zeug fast weltweit in jedem Supermarktregal gab. Das scheint jetzt vorbei. Die Leute kaufen, die Leute essen wieder Butter, die früher mal »die gute Butter« hieß. Sie essen mit Genuss. Die Butter auf’s Brot, Butter bei die Fische, die »gute Butter«, auch wenn sie kostet: Man darf wieder, und nicht nur ausnahmsweise mal zur Brezel. Das schwäbische Gebäck schmeckt tatsächlich sogar noch knochentrocken besser als mit der industriellen Diät-Margarine. Aber eigentlich so richtig gut erst mit Butter... Wie ist eigentlich der Streit ausgegangen, ob bei Tübinger Rathausempfängen gebutterte oder trockene Brezeln geboten werden?