Normalverdiener finden in Tübingen keine bezahlbare Wohnung mehr. Knapp war Wohnraum hier schon von je her, doch traf es in der Vergangenheit meist die Schwachen, darunter Studierende, Ältere oder behinderte Menschen. Inzwischen haben aber auch immer mehr Familien und Haushalte mit mittlerem Einkommen Schwierigkeiten, sich in Tübingen eine Mietwohnung leisten zu können. Laut amtlicher Statistik bringt Otto-Normalverdiener derzeit monatlich rund 2 400 Euro brutto nach Hause (macht netto
1 600 Euro). In Tübingen reicht das einem Mehrpersonenhaushalt zum Leben schon gar nicht, und auch bei Singles, die für eine Zwei-Zimmer-Wohnung
1 000 Euro und mehr hinlegen müssen, wird’s eng. 
Die Stadt hat reagiert und im vergangenen Oktober das »Handlungsprogramm Fairer Wohnen« aufgelegt, mit dem sie unter anderem »bezahlbaren Wohnraum für alle Einkommensgruppen« schaffen will. Mindestens 50 Prozent der Wohnungen in städtischem Eigentum sollen langfristig mietgebunden sein, der Anteil an Sozialwohnungen soll 30 Prozent betragen. 2017 lagen 580 neue Baugesuche für Wohnungen vor. Für die nächsten Jahre sieht das Handlungsprogramm Neubauentwicklungspotenziale von weiteren Wohneinheiten. Das ist gut. 
Allerdings ist in der »Schwarmstadt« Tübingen die Bevölkerung zwischen 2011 und 2017 pro Jahr im Schnitt um 750 Einwohner angewachsen.
Schwer vorstellbar also, dass das kommunale Engagement im Wohnungsbau allein ausreicht. Gibt’s auch leer stehende Wohnungen? Seit zwei Jahren gilt in Tübingen das Zweckentfremdungsverbotsgesetz. Die Zweckentfremdung von Wohnraum ist mithin bei »Leerstand von Wohnraum, soweit dieser länger als sechs Monate andauert«, gegeben, bei Verstößen ist ein Bußgeld bis zu 50 000 Euro vorgesehen. 
Die Angaben über die Zahl der dauerhaft leer stehenden Wohnobjekte in der Universitätsstadt könnten widersprüchlicher nicht sein. Vor zwei Jahren waren es laut Stadtverwaltung circa 150 Häuser und 400 Wohnungen, dagegen weist die Landesstatistik 3,9 Prozent aus, das wären bei gegenwärtig 410 000 Bestandswohnungen 1 600 Einheiten. In einer Berichtsvorlage zur Behandlung im Ausschuss für Planung, Verkehr und Stadtentwicklung des Gemeinderates vom Juli 2017 wiederum heißt es: »Im März 2017 waren der Baurechtsbehörde 42 Gebäude bekannt, die zu diesem Zeitpunkt leer standen.« Immerhin nahm die neu geschaffene Wohnraumberatungsstelle der Stadt darauf Kontakt zu Eigentümern leer stehenden Wohnraums auf und schrieb sie an. 
Fazit: Keiner weiß Genaues, der Leerstand bleibt die große Unbekannte. »Wir warten auf Zahlen aus dem Baurechtsamt«, erklärte die Beauftragte für Wohnraum und barrierefreies Bauen, Julia Hartmann, auf Anfrage dieser Zeitung. Michael Beier, Leiter des Fachbereichs Baurecht, bestätigte die Zahlen der Berichtsvorlage vom März vergangenen Jahres. »Andere sind uns nicht bekannt.«
Er verwies zudem darauf, dass Leerständen nur dann nachgegangen werde, wenn sie an die Behörde gemeldet würden. »Wir haben kein Personal, um selbst tätig zu werden.« Bußgelder seien bislang noch keine verhängt worden, anders als in anderen Städten, setze man auf Kommunikation, so Beier.
Eine aktuelle Mitteilung der Landesregierung über die Auswirkungen des Zweckentfremdungsverbotsgesetzes in Baden-Württemberg vom Juni 2018 legt kaum veränderte Zahlen vor: »In Tübingen wurden 45 Verwaltungsverfahren eingeleitet, zwölf Wohneinheiten wieder dem Wohnungsmarkt zugeführt.« (siehe oben). 
Das werfe Fragen auf, findet Paul Rodermund vom Tübinger Wohnraumbündnis. 
»Zum einen stehen die 45 Verfahren in keinem Verhältnis zum (mutmaßlich) tatsächlichen Leerstand, zum anderen haben 33 Verfahren offenbar nicht zu einem Ende der Zweckentfremdung geführt, wurden aber auch nicht sanktioniert«, erklärte er. 
»Enteignungen nach Artikel 14 des Grundgesetzes und Überführung in kommunales Eigentum wären jetzt das richtige Mittel«, macht das Wohnraumbündnis deutlich.
Das sollte jedoch, räumt Rodermund ein, die Ultima Ratio sein. »Erstmal kann man andere Wege gehen.« Leer stehende Wohnungen unter Treuhänderschaft stellen, zum Beispiel, oder das Eigentum vergüten. »Eigentlich müsste es dem Staat doch möglich sein, das Zweckentfremdungsverbot auch durchzusetzen«, ist sich Rodermund sicher. 
Vor allen Dingen geht es in Tübingen aber darum, den Wohnungsleerstand zu ermitteln.