Nun ist es heraus. Gut drei Viertel der Tübinger und Tübingerinnen befürworten ein neues Hallenbad, rund 54 Prozent wünschen sich eins mit 50-Meter-Bahnen, genauso viele Bürger wären mit der Schließung des Uhlandbads einverstanden. Das hat die aktuelle elektronische Umfrage vorgestern vermittels der neuen Tübinger Bürger-App zu Tage gefördert. Ein mutmaßlich schönes Ergebnis aus Sicht von Oberbürgermeister Boris Palmer, der sich in seiner Position, das Uhlandbad irgendwann aus Kostengründen dicht zu machen, bestätigt sieht. Der Gemeinderat müsse es ernst nehmen, so der OB. Doch die Sache hat einen Haken. Denn an der Umfrage beteiligten sich gerade mal etwas mehr als 15 Prozent der Wahlberechtigten. Ist das repräsentativ? Mitnichten.

Tübingen ist eine Schwimm-Stadt. Knapp 234 000 Besucher kamen 2017 ins Hallenbad Nord, rund 70 000 besuchten das Uhlandbad. Der hiesige Schwimmverein ist mit rund 1000 Mitgliedern der größte Schwimmverein in Baden-Württemberg. Zwei Drittel von ihnen, die meisten Jugendliche, sind im Breitensport aktiv. Der Wunsch nach mehr Schwimmflächen in Tübingen geht einher mit steigendem Bedarf. Das trifft vor allem auf Schulen, Kindergärten, Senioren, Sportvereine und Reha-Gruppen zu. Der Freundeskreis Pro Uhlandbad befürwortet drei Bäder und vertritt die Auffassung, dass dies finanzierbar sei. Ein realistischer Ansatz, wenn zugleich klar ist, dass sich ein Bäderbetrieb grundsätzlich nicht selbst finanzieren kann, sondern dass dies die Aufgabe der Kommune ist. So leistet sich die Stadt Ludwigsburg sechs (!) Hallenbäder. Eines ist noch funkelnagelneu und steht ausschließlich den Schulen und Vereinen zur Verfügung. Ludwigsburg hat 4582 Einwohner mehr als Tübingen. Anderswo geht’s doch auch. In einem Statement des Deutschen Städte- und Gemeindebundes (DStGB) heißt es: »In Deutschland gibt es eine historisch gewachsene, ausgeprägte Kultur öffentlicher Schwimmbäder. Sie machen das Sport-und Freizeitangebot einer kommunalen Infrastruktur attraktiv … kommunale Schwimmbäder sind unverzichtbarer Bestandteil der Daseinsvorsorge.« Weiter verweist der DStGB darauf, dass jeder Schwimmbetrieb zugleich ein Zuschussbetrieb sei. »Es wäre hilfreich, Bäder-Plattformen zu schaffen unter dem Motto: Schwimmen ermöglichen, Bäder erhalten«, so der DStGB.

In Tübingen wird heftig diskutiert, ob das Uhlandbad als Hallenbad weiter bestehen bleiben oder zu einem Konzertsaal umgebaut werden soll. Eine grob fahrlässige Verquickung, denn das eine hat mit dem anderen schlichtweg nichts zu tun. Warum gibt es in der Universitätsstadt eigentlich immer noch keine Stadthalle, in der Konzerte stattfinden können? Reutlingen hat’s mutig und in die Zukunft schauend vorgemacht: mit zwei Hauptsälen für bis zu rund 1700 oder 400 Zuschauern, zehn weiteren kleineren Tagungsräumen, Tiefgarage und, und, und… Würde aber irgendwie nicht ins Uhlandbad passen. Am Europaplatz sollen noch in diesem Jahr die Umbauarbeiten beginnen. Das Uhlandbad liegt von dort nur einen Steinwurf entfernt. Ist es mit seinem Umfeld in das Baukonzept eingebunden? Fehlanzeige. 

Das Uhlandbad ist als Hallenbad unverzichtbar, auch wegen seiner zentralen Lage. Und es kann nach Einschätzung der Tübinger Stadtwerke »mit technischen Reparaturen noch einige Jahre gut betrieben werden«. Am 25. Juli 1914 als erste »Vollbadeanstalt« der Stadt eröffnet, beherbergte es seinerzeit eine Schwimmhalle, Brause- und Wannenbäder, ein russisch-römisches Bad mit Dampf- und Heißluftbad sowie Kohlensäurebäder. Auch Massagen kamen zur Anwendung. Mit ähnlichem Konzept, ergänzt durch zeitgemäße Reha-Angebote, könnte das Uhlandbad als moderne Gesundheits-Präventionseinrichtung erhalten werden. Ach so, die Bürger-App. Nur jeder sechste Tübinger hat mitgemacht. Von den über 50-Jährigen kaum jemand. Warum wohl? Sie ist eine Spielwiese und täuscht Bürgerbeteiligung vor, die aber keine Wirkung zeigen sollte, weil sie Meinungsbilder verzerrt. Die Älteren wissen das und dachten wohl: »Reine Zeitverschwendung!«