Im Nachhinein ist alles so seltsam klar: Die Hektik beim Einkaufen kurz vorm WM-Spiel. Wie man den Geldbeutel in die Innentasche der Windjacke gesteckt hat, aber eben nicht ganz; wie man sich da als Radler zwischen Autos behauptet, die auch von irgendwie hektischen Menschen gesteuert werden; wie man die Einkäufe im Kühlschrank und im Regal verstaut, den Fernseher einschaltet und sich dem Gekicke hingibt...
Und dann irgendwann nach dem Schlusspfiff und Olli Kahns Expertise der Moment, wo einem gewahr wird: Wo ist eigentlich der Geldbeutel? Ziemlich schnell sind alle Orte abgesucht, wo er liegen könnte. Ziemlich schnell die Gewissheit: Der ist weg. Rausgefallen. Nicht geklaut, bestimmt nicht, ganz sicher nicht. Rausgefallen. 
Viel Geld war nicht mehr drin, tatsächlich nur Münzen. Die Hoffnung auf einen Finder. Kühlen Kopf behalten. Die Frage, ob es besser ist, zuerst die paar hundert Meter Wegstrecke mit der Taschenlampe abzusuchen oder gleich die EC-Karte und die Kreditkarte sperren zu lassen. Die Entscheidung fällt zugunsten der Suche aus. Halbe Stunde, relativ gründlich, ohne Ergebnis. Das Sperren der Karten geht erstaunlich gut. Es gibt da, sagt das Internet, eine bundesweite Notrufnummer 116 116. Da ist zwar ein paarmal besetzt, aber dann flutscht es mithilfe der Kontoauszüge ganz gut. Die freundliche Frau Kammer gibt noch den Hinweis, dass zwar die EC-Karte wieder entsperrt werden kann, wenn sich der Geldbeutel wieder finden sollte, die MasterCard aber nicht.
Vor dem Einschlafen noch mal der Überblick, was da drin war und was das bedeutet, die Sachen, oder deren Ersatz wieder zu beschaffen: Personalausweis, Krankenkassenkarte, Presseausweis, Clubkarten zum Autofahren und zum Sporteln. Kein Fahrzeugschein, kein Führerschein, nur eine Kopie. Kleine Freude immerhin. Das tut man sich dann an am nächsten Morgen: Die netten Menschen vom Supermarkt schließen sogar ihren Müllkäfig auf. Man darf die Säcke durchstöbern. Erfolglos. Und danach ordentlich wieder wegräumen.

Polizei, Fundamt antelefoniert: nichts. Und immer die Versicherung: verloren, nicht geklaut. 
Die Liebste hilft mit Bargeld aus, aber man bekommt es auch bei der Bank, gegen Vorlage des Reisepasses mit einer sogenannten White Card. Die MasterCard wird auch gleich neu beantragt. 20 Euro kostet das. Geht ja noch. Und dann klingelt es. Sonntagmittag. Ein Mann sagt mit Akzent in die Sprechanlage: »Mein Bruder hat Ihren Geldbeutel gefunden.« Ich komme runter. 50 Euro in der Hand. Ein Afrikaner, mit dem Mountainbike unterwegs, sportlich gekleidet.
Klar, mein Geldbeutel. Und ohne zu schauen: Sogar die Münzen sind noch drin.
Die 50 Euro muss er nehmen, keine Debatte. Ich bitte ihn, seinen Namen aufzuschreiben und den seines Bruders. Ich möchte sie zum Essen einladen, mit Anhang. Eine Telefonnummer war nicht dabei. Aber ich kriege das raus.