Als Aprilscherze hätten auch Schlagzeilen wie diese getaugt: »Pizza-Service liefert preisgünstig Kondome mit«; oder: »Metzger bietet neben Lammfleisch Bio-Schafwolle an«; oder: »Imbiss besohlt auch Schuhe«; oder »Uni-Institut finanziert Forschung durch Dating-Portal für Studenten«; oder: »Sparkasse stellt Hüpfburg in menschenleeres Foyer«. Aber die Nachricht, dass die ehrwürdige Tübinger Buchhandlung Osiander vom 1. Mai an Eiskugeln günstiger als die Fachkonkurrenz der Eisdielen verkaufen will, soll kein April-Scherz gewesen sein. Jedenfalls hat sich Geschäftsführer Christian Riethmüller noch nicht als Juxbold geoutet. Vielleicht genießt er es noch für ein paar Frühlingstage, sich klammheimlich ins Fäustchen zu lachen, bevor er die genasführte Öffentlichkeit aufklärt. Eis im Buchladen also. Stracciatella und Tahiti Lemon neben Schiller, Goethe und Dan Brown. Nun gut, das ist alles nichts prinzipiell Neues. Tankstellen sind längst alle kleinen Supermärkte mit Bäckereien (und dürfen jetzt wieder rund um die Uhr den hochprozentigen Stoff zum »Vorglühen« liefern). Gegenüber ganz früher, wo man den Sprit für den Motor in der Apotheke erstehen musste, ist das auch zweifellos ein echter Fortschritt. Da gibt es heute Gummibärchen. Fotos, Spielzeug und Bio-Getreide in der Drogerie - warum nicht?


Andererseits ist die forsche Osiander-Initiative schon eine besonders kühne Ausweitung der Kampfzone um den Konsumenten. Mag sein, dass es von der kleinen Kultur-Fregatte Osiander als vorletztes winziges Rettungsboot in der endzeitlichen Seeschlacht gegen die waffenstarrende Internetflotte rund um den unbesiegbaren US-Panzerkreuzer, Flugzeug-, und Interkontinental-Raketen-Träger »Amazon« gedacht ist.

Dabei ist der Buchhändler nach langjähriger Expansion zu einer erfolgreichen Kette mit inzwischen 50 Läden eigentlich noch nicht im letzten Gefecht seines Überlebenskampfes. Im vergangenen Jahr wies der Konzern noch einen Gewinn von 1,1 Millionen Euro nach Steuern aus. Aber vielleicht ist die Aufgabe des Stammhauses in der Wilhelmstraße (und der Filiale Morgenstelle) samt Umzug in den kleineren Hauptstützpunkt am Holzmarkt ja ein leiser Vorbote wilder, von Übersee her dräuender Sturmgefahren. Da muss man im Kapitalismus aufrüsten, nachrüsten, umrüsten. Sonst ist der ehrbare Kaufmann im knallharten Wettbewerb ganz schnell weg vom Fenster und sang- und klanglos untergegangen – wie Schlecker etwa – noch ehe er sich’s recht versieht. Und wenn einem der Himmel schon einen Standort wie diesen beschert, an der ersten Station der Touristen-Rennbahn und ersten Treffpunkt aller Shopper und Altstadt-Bummler - ja da muss ein Händler doch zugreifen und das Beste draus machen!

Osiander kündigt Kampfpreise an: 1,30 Euro will der Buchhändler für die Eiskugel Marke »Giovanni L.« (auch eine Kette) verlangen. Damit soll die Fachkonkurrenz, wenn nicht aus dem Schlachtfeld geschlagen, so doch wenigstens ein bisschen geärgert und ein wenig bestraft werden. Denn das Tübinger Eisdielen-Kartell, das es sich leisten kann, seine lukrativen Läden übers Winterhalbjahr leerstehen zu lassen, hat sich unter der Hand auf einen Einheitspreis von 1,50 Euro geeinigt.

Solche Absprachen sind in einer freien Marktwirtschaft natürlich verboten, und die Tübinger Gewerbeaufsicht sollte sich unbedingt vorbehalten, das Bundeskartellamt in Bonn als Hüter des fairen Wettbewerbs einzuschalten. Herr Präsident Andreas Mundt, übernehmen Sie.
Mal sehen, wie dieses erste Scharmützel endet. Vielleicht geht es als Tübinger Eiskrieg in die Geschichte ein. Vielleicht geht irgendwer unter. Vielleicht sinkt auch nur der Eispreis auf breiter Front. Der Sommer wird heiß.