Was den Reutlingern die Pförtnerampeln, sind den Tübingern die Langzeit-Baustellen: Sie verursachen Stau. Wer aus Richtung Tübingen kommend, in Reutlingen in die Konrad-Adenauer-Straße fährt, steht erstmal, nichts Neues also. Und das kann dauern. Die Pförtnerampel vor der Lerchenstraßeneinmündung lässt pro Grünphase gerade mal so zwischen sechs und acht Autos durch. Es gab zahlreiche Beschwerden bei der Stadt. Warum diese Ampel? Der Verkehr soll aus der Innenstadt raus und um die Stadt herum durch den neuen Scheibengipfeltunnel geleitet werden. Was auch funktioniert, aber nicht wegen der Ampel.
Denn schon bevor diese am 1. März in Betrieb ging, entschieden sich beachtliche rund
18 000 Autofahrer pro Tag für den Weg durch den Tunnel,
37 000 von ehedem 55 000 blieben bei ihren Gewohnheiten und steuerten die Innenstadt via Konrad-Adenauer- und Lederstraße an. Der »Ampeleffekt« lässt nicht einmal zusätzliche zehn Prozent die Stadt umfahren. Die Zahlen legte die Verwaltung bei einem Mediengespräch vor, die Stadt und das verantwortliche Regierungspräsidium Tübingen informierte über den neuen Luftreinhalteplan. »Der Plan wirkt, wir haben mehr erreicht, als erhofft«, sagte Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch.
Der Stadt läuft, wie anderen Kommunen auch, die Zeit davon. Wenn bis Ende 2019 an den Messstellen der EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid (NO2) pro Kubikmeter nicht erreicht wird, aktuell sind es 52, drohen Fahrverbote für Dieselfahrzeuge.

In Reutlingen wären davon rund 17 000 betroffen. Aber auch Pendler, Handwerker, kleine Betriebe oder Hilfsorganisationen in anderen deutschen Städten müssen mit Fahrverboten rechnen, für Euro-4-Norm- und ältere Diesel-Kfz kann das schon ab 1. September 2018, für Euro-5-Kfz ab 1. September 2019 der Fall sein. »Wir sind zuversichtlich, Dieselfahrverbote zu vermeiden«, erklärte Regierungspräsident Klaus Tappeser. 
Druck erzeugt die Deutsche Umwelthilfe e. V. (DUH), die mit einer beispiellosen Klagewelle die EU-Vorgaben zur Luftreinhaltung durchsetzen will, dies möglichst schnell. Das Bundesverwaltungsgericht hat im Februar den Klagen der DUH für eine kurzfristige Einhaltung der Luftqualitätswerte in deutschen Städten stattgegeben. Der Verein hat mittlerweile 28 Städte in Deutschland verklagt, weil sie nicht dafür sorgen, dass die Luft sauber ist. Tübingen hat er schon ins Visier genommen, dort wurden in der Mühlstraße 48 Mikrogramm NO2 gemessen. Nur geringe Aussichten auf Erfolg räumt Tappeser indes der aktuellen DUH-Klage beim Verwaltungsgericht Sigmaringen ein, Fahrverbote in Reutlingen sofort zu verhängen, da die zugrunde gelegten Zahlen veraltet seien. »Dieser Versuch der DUH ist vielmehr die Perpetuierung eines Geschäftsmodells«, so Tappeser. 
Die DUH bezeichnet sich als »politisch unabhängig«. Allerdings wird sie von der Bundesregierung und auch aus den USA mit Millionenbeträgen finanziert. Laut EU-Transparenzregister verfügte die DUH im Geschäftsjahr 2015/2016 über ein Gesamtbudget von 8.115.858 Euro, davon waren 1.485.811 Euro öffentlich finanziert, 3.489.783 Euro Spenden, Sponsoring und Projektzuschüsse. Einnahmen aus dem Verbraucherschutz beliefen sich auf 2.466.448 Euro. Geldgeber sind unter anderem die amerikanische »ClimateWorks Foundation«, amerikanische Milliardäre und die »Ford Foundation«, die der Sohn des Ford-Gründers Henry Ford aufgebaut hat. Überdies ist der Verein über die DUH Umweltschutz Service GmbH Teil eines Dreierkonsortiums, das Energiedienstleistungen übernimmt. Die DUH hat zudem eine Kooperation mit Toyota, dem weltgrößten Autokonzern. Auf ihrer Internetseite lobte die DUH die »geringen Emissionen« eines Toyota Prius und bezeichnete das Auto als »Vorzeige-Hybrid«. Ist das noch neutral? Wie groß ist der Einfluss der amerikanischen und japanischen Hersteller bei der DUH?
Ob Stickoxide gesundheitsschädlich sind, wird unter einigen Fachleuten zwar kontrovers diskutiert, gilt aber als erwiesen. Luftreinhaltepläne müssen zügig umgesetzt werden, das ist Aufgabe der Politik und braucht realistische zeitliche Vorgaben. Lobbyismus und Skandalismus à la DUH ist jedenfalls fehl am Platz.