Da muss man den Tübinger OB Boris Palmer wirklich loben: Während man in anderen Städten nolens volens sich zu einem Fahrverbot durchringt, weil die Schadstoffwerte in den Straßen als zu hoch gemessen worden sind, hat Tübingens Oberster vergangene Woche verkündet, dass es in der Unistadt Fahrverbote nicht geben wird. Damit hat er sich klar über die Haltung von Verkehrsminister Hermann in Stuttgart hinweggesetzt, der unmissverständlich wissen ließ, dass es in Stuttgart bei Verboten bleiben wird. 
Palmer seinerseits hätte durchaus zum letzten Mittel greifen können, schließlich sind die Grenzwerte für Stickoxide und auch Feinstaub in der Mühlstraße mehrfach überschritten worden. So lagen im vergangenen Jahr die Stickoxide im Schnitt bei 46 Mikrogramm, zugelassen wäre eigentlich nur 40. 
Bekanntlich ist Palmer kein ausgesprochener Autofreund. Er betont bei jeder Gelegenheit, ganz vorne stehe bei ihm der Radverkehr, gefolgt von Erleichterungen für die Fußgänger, eine Verbesserung des Busverkehrs und die Stadtbahn. Was ihm aber zuwider ist, sind, hat er wissen lassen, hektische und nutzlose Aktionen. Da kann er sicher nicht gemeint haben, dass auch Tübingen zwei Mooswände in der Mühlstraße aufstellen und dann wieder entfernen ließ.
Ganz hilfreich ist ihm dabei jetzt der Fall der Stadt Wiesbaden, die sich dort sogar mit der Deutschen Umwelthilfe arrangiert hat und so ein richterlich angeordnetes Fahrbot umgangen hat. Der Tübinger OB hält viel von dem Vorschlag aus der hessischen Metropole, den Nahverkehr für einen Euro am Tag anzubieten. Das sei wesentlich sinnvoller, als, wie er sich ausdrückte, weitgehend wirkungslose und unbegründete Fahrverbote gegen Dieselautos zu verhängen. 
Und noch mehr: Er hält, wie er sagt, »Grenzwertfetischismus« für falsch. Deswegen halte er es auch für richtig, dass die EU der Bundesregierung freie Hand lässt. Ob es nun Fahrverbote geben soll oder nicht. Dies um so mehr, als seinem Wissen nach kein Land in Europa derartige Verbote erlassen hatte und gegenüber der Tübinger Lokalzeitung hat noch hinzugefügt: »Das war einfach ein deutscher Irrweg im typischen Glauben an den Buchstaben des Gesetzes.«
Und was Tübingen angeht, so setzt Palmer darauf, dass neue Hybridbusse (zunächst einmal vier) die Luft in den Tübinger Straßen verbessern helfen. Im Sommer sollen es dann vier weitere Busse sein und im Herbst denkt man daran, einen Elektrobus in Dienst zu stellen. 
Wer so weit nach vorne denkt, dem kann man trotz anderweitiger Kritik nicht vorhalten, lebensfremd durch die nächtliche Unistadt zu wandeln. Und auch der Landesverkehrsminister wird sich über kurz oder lang realitätsnäher orientieren müssen, sonst werden ihm die Proteste der Dieselfahrer noch mehr Schwierigkeiten bereiten. Vielleicht, so ist zu hoffen, wird der grüne OB von Stuttgart den Tübinger Weg als gangbar ansehen.