Jetzt spitzt sich die Lage in der Au-Ost doch zu. Oberbürgermeister Boris Palmer hatte sich so gut ausgerechnet, dass, just am Bundestagswahltag, die Tübinger Bürger darüber abstimmen sollten, ob die Stadt noch zusätzliche Gewerbeflächen braucht und ob das Areal um den Au-Brunnen dafür der geeignete Standort wäre. Um es kurz zu sagen: Der Gemeinderat will keinen Bürgerentscheid. Im Verwaltungsausschuss wenigstens war zu erkennen, dass Palmer im Plenum nie und nimmer die erforderliche Mehrheit erhält. Am 3. Juli soll es zum Schwur kommen. Dann wird Palmer wissen, wie es weitergeht.
So kann der OB nicht mit den Stimmen von CDU und Tübinger Liste rechnen. Da wären schon mal 13 Stimmen. Die Fraktion von AL und Grünen (12 Sitze) ist nach eigenem Bekunden »gespalten«. Und die SPD ist zumindest in der Frage, einen Entscheid zur weiteren Flächenentwicklung herbeizuführen, einig: nein. Freilich weiß die Fraktion auch, dass Tübinger Betrieben in den kommenden zehn Jahren auf alle Fälle zehn Hektar zur Erweiterung zur Verfügung stehen müssen. Fraktionsführer Martin Sökler hat klar zu erkennen gegeben, dass ohne Erweiterung einschließlich des Klinikums sich die Stadt »ins Knie schießen« werde. Was die Standorte angeht, das sagt Sökler auch, müsse dann der Bürger entscheiden. 
Dass auf keinen Fall am 24. September, zur Bundestagswahl, ein Bürgerentscheid stattzufinden habe, forderte die Linke. Denn bei einer Zusammenlegung der Abstimmungen bestehe die Gefahr, dass die kommunalpolitischen Themen »unter die Räder« kommen würden.
Erhebliche Skepsis hatte Dietmar Schöning von der FDP. Er mochte nicht einsehen, dass man sich jetzt an den Bürger wende, wo eben der Bürger den Gemeinderat gewählt habe, damit dieser entscheide. Die Abwägungen müsse der Rat vornehmen, dies könne man nicht dem Bürger zumuten. Abgesehen davon, dass das Thema neue Gewerbegebiete vom Gremium bisher noch gar nicht diskutiert worden sei. Falls es zum Entscheid über neue Flächen kommen sollte, so Schöning, sollte dies auf keinen Fall am 24. September geschehen.
Verständlich, dass Palmer sich so leicht nicht geschlagen geben mochte. Er weiß nur zu gut, dass bei einem Bürgerentscheid (Ja/Nein) er damit rechnen kann, dass eine Mehrheit sich auf seine Seite schlägt. Außerdem glaubt er aufgrund der bisherigen öffentlichen Diskussionen, dass ein Bürgerentscheid (besser: zwei) die Diskussion befriede. Und da muss wohl noch einiges geschehen. Denn Palmer hatte vergangene Woche zumindest in Abrede stellen müssen, dass er ein Getriebener der flächenhungrigen Tübinger Betriebe sein könnte. An ihn seien, so entgegnete er, keine Anfragen gerichtet worden. Freilich sollten auch die Gemeinderäte nicht außer Acht lassen, dass die Kommune handlungsfähig bleiben müsse und sie verhindern müsse, dass Betriebe sich im Umland nach Flächen umsehen würden. Etwas weit hergeholt darf die Aussage des OB betrachtet werden: »Ich finde es geradezu als skandalös, dass ich nach 25 Jahren als Bürger in keiner Sache entscheiden durfte.« Ob da am kommenden Montag was herauskommt? Vielleicht hat Schöning doch recht, wenn er sagt, es wäre besser, wenn das Gremium sich zunächst mit den Sachfragen beschäftigte. Dann kann man den Bürger aber immer noch befragen. Und man darf sich sicher sein, dass der Bürger die Gemeinderäte nicht umsonst gewählt hat.