»Lasst uns für gutes Brunnenwasser streiten...« - das Lied, das die 400 Schützer des Tübinger Au-Brunnens am Montag unverzagt gegen den Regen schmetterten, wird ihnen, wenn man ehrlich genug ist, nicht weiterhelfen. Nicht nur, weil Oberbürgermeister Boris Palmer erneut auf einer Erschließung des Gebiets bestanden hat. Tübingen werden, das ist Tatsache, in absehbarer Zeit die Gewerbegebiete ausgehen. 
Das spaltet nicht nur die Bevölkerung, an dem Thema wird sich auch Palmer abarbeiten müssen. Er muss sich als Grüner dem Naturschutz verpflichtet fühlen, sagt man halt, als Oberbürgermeister muss er aber auch die Interessen der Kommune ganz oben ansiedeln. Da Tübingen in den zurückliegenden Jahrzehnten es versäumte, sich mit Nachbargemeinden über gemeinsame Gewerbegebiete abzusprechen, bleibt Palmer nur der eigene Grund, um den hohen Bedarf zu befriedigen. 
Auch hier im Tübinger WOCHENBLATT haben wir für den Erhalt des Wasserschutzgebiets plädiert, jetzt fällt die Argumentation dafür oder dagegen schwerer, weil Befürworter und Gegner sehr scharf unterscheiden müssen, ob der Reservebrunnen, der nachweislich keine Quelle ist, weiter betrieben werden soll. Vielleicht, um noch einen Begriff zu nennen, soll es auf den Plänen vielleicht »nur« noch einen Notbrunnen geben. Für viele war am Montag klar, dass, wenn der Palmer obsiegen sollte, kaum einer mehr die Hand für die Grünen heben will. Und noch etwas wurde diskutiert:

Muss eine Gemeinde um jeden Preis wachsen oder muss sie sich Zügel anlegen? Muss sie ruhig zuschauen, wenn Betriebe Gelände jenseits suchen? Wenn man auf Palmers Wahlkampf vor mehr als acht Jahren zurückblickt, hat er davon geschwärmt, dass Tübingen über kurz oder lang zur Großstadt wachsen soll. Viele haben die Planung des Vorzeige-Grünen damals schon für, sagen wir es einmal zurückhaltend, zu optimistisch gehalten. Mittlerweile haben sich die Firmen Erbe und Paul Horn neben der Walter AG im Süden der Stadt ausgebreitet. Nicht geredet werden soll von den Bauarbeiten im Norden der Stadt, wo sich ein neues Forschungs- und Wissenschaftszentrum entwickelt.
Und bei dieser Konjunktur, die selbst die Nachbarschaftsstadt Reutlingen aufhorchen lässt, kommt selbst der Grünen-Oberbürgermeister mit seinen früheren Grundsätzen ins Straucheln. Auf der anderen Seite sollte man nicht davon ausgehen, dass ihm die Umwandlung des Wasserschutzgebiets selber allzu große Probleme bereiten dürfte. Wenn der sich was in den Kopf gesetzt hat, dann zieht er es auch durch. Und wie die Lage aussieht, wird ihm die Mehrheit des Gemeinderats keine Steine in den Weg legen.
Freilich soll man auch sehr intensiv darüber diskutieren, wie weit eine Kommune expandieren soll. Wer oder was soll ihr Grenzen setzen, was verkraftet die Infrastruktur? Erst wenn diese grundsätzlichen Fragen abgeklärt sind, muss der Pflock, der weitere Generationen beeinflusst, eingerammt werden. Dann sollte aber auch keiner mehr dagegen angehen.