Amazon kommt. So will es jedenfalls der Tübinger Gemeinderat. In der vergangenen Woche hat er eine Vorentscheidung getroffen, wonach der US-Konzern auf dem Höhenlagen-Areal Obere Viehweide ein Forschungszentrum errichten darf. Über den Erwerb des Grundstücks und die Konditionen muss noch verhandelt werden. Die Mehrheit der Gemeinderäte ist sich darin einig, dass Amazon für attraktive Arbeitsplätze sorge und von dem Unternehmen eine hohe Anziehungskraft ausgehe, wovon nicht zuletzt auch die Stadt profitiere. Einige Stadträte kritisierten das Geschäftsmodell von Amazon und stimmten gegen den Beschluss.
Der Online-Versandhändler Amazon will mit dem neuen Forschungs- und Entwicklungszentrum bis zu 200 Arbeitsplätze schaffen. Eigentlich doch eine gute Nachricht, oder?
Die Stadt sollte sich etwas genauer ansehen, mit wem sie Geschäfte macht!
Amazon wird immer beliebter, kaum einer, der nicht schon mal ein Buch oder eine CD bestellt hat. Deutschland ist der wichtigste Auslandsmarkt für Amazon. Hier erzielte das Unternehmen 2017 einen Umsatz von rund 17 Milliarden Dollar, mehr als eine Verdreifachung gegenüber 2010. 
Doch der Schaden, den Amazon verursacht, ist hochkomplex. Vielerorts kann man sehen, wie sich der Einzelhandel aufgrund des Onlinehandels verändert: Geschäfte mit teils langer Familientradition schließen, Amazon schaltet über kurz oder lang den Einzelhandel und gewachsene Strukturen aus. 
Bei der Gewerbesteuer und der Körperschaftssteuer nutzte Amazon über Jahre Steuertricks, um die Zahlung in Länder mit geringen Steuersätzen zu verschieben. Zwar führt das Unternehmen seit 2015 Steuern in den EU-Ländern ab, in dem die Geschäfte abgewickelt werden. Ob Amazon am Tübinger Standort Gewerbesteuer zahlen wird oder nicht und wenn ja, wieviel, ist völlig offen. Und es bedeutet nicht, dass große Steuermehreinnahmen zu erwarten sind. Denn Amazon ist dafür bekannt, nur geringe Gewinnmargen einzufahren und viel zu reinvestieren - womit sich das Unternehmen fiskalisch arm rechnen kann.
Die Jobs in den Amazon-Logistikzentren sind miserabel bezahlt, der Druck auf Beschäftigte ist hoch, die Arbeitsbedingungen sind oft unzumutbar. Mitarbeiter berichten, dass sie selbst um Toilettenbesuche kämpfen müssten. Die Unternehmensleitung kontrolliere ihre Handscanner, nach drei Minuten ohne Meldung werde die Zeit als Pause verrechnet.
Die Amazon Logistik GmbH in Bad Hersfeld und die Amazon Koblenz GmbH erhielten wegen Verstößen gegen geltendes Recht beim Datenschutz und im Arbeitsrecht »Big Brother Awards«. Die Negativpreise werden an Unternehmen verliehen, die in besonderer Weise und nachhaltig die Privatsphäre von Personen beeinträchtigen oder Dritten persönliche Daten zugänglich gemacht haben.
Die Gewerkschaft Verdi fordert bei Amazon schon lange einen Tarifvertrag für die mehr als
12 000 Beschäftigten in Deutschland. Bisher ohne Erfolg. Stattdessen hat Amazon neue Standorte in Osteuropa aufgebaut, unter anderem in Polen und in Tschechien. Dort kann das Unternehmen noch billigere Arbeitskräfte requirieren. 
Dass Amazon täglich mit Tausenden beauftragten Zustellerfahrzeugen unterwegs ist, Innenstädte und Fußgängerzonen auch in Tübingen verstopft und die Luft verpestet, passt nicht in die Zeit zukunftsweisender Verkehrskonzepte. Die Stadt Tübingen und ihr OB Boris Palmer sollten klare Kante zeigen, statt lasch zu hofieren. Amazon will in die Uni-Stadt, weil sich der Konzern hier Vorteile verspricht und Synergien etwa zu Max-Planck sucht. Das zahlt sich für ihn schlussendlich in barer Münze aus, und er wird sich das Geschäft nicht entgehen lassen wollen. Die Stadt muss die Vergabe des Standorts an Bedingungen knüpfen. Dito der Amazon-Kunde sein Kaufverhalten ändern, statt jammern, wenn Geschäfte schließen. Amazon ist auf die Kunden angewiesen und nicht umgekehrt.