Als »Symbolpolitik« ist die Aufstellung der nicht ganz un-schmächtigen, neun Quadratmeter großen Wand in der Tübinger Mühlstraße bezeichnet worden, künstliche Mooskiste wurde sie auch noch genannt – die Reaktion auf das Feinstaub und Stickoxide saugende Stück Natur mitten im Verkehrsrausch ist im wesentlichen negativ gewesen. Immerhin hat die Stadt Tübingen 36 000 Euro für den Versuch ausgegeben, von dem, in ganz anderen Dimensionen, die Stadt Stuttgart sich noch wesentlich mehr erhofft.
Die Euphorie hat, man versteht es, nicht lange angehalten. Abgesehen, dass die Emissionswerte in den Tübinger Straßen wie auch immer zurückgegangen sind, hat das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts und die drohenden Fahrverbote den Blick für die Wirklichkeit geschärft. 
Zunächst einmal ist in diesem Winter dem Moos das Wasser abgestellt worden, weil Frost den Pflanzen mehr geschadet hätte. Das Unternehmen, das die Wand aufgebaut hat, die Berliner »Green City Solutions«, will, wenn das Wetter es zulässt, die Schleusen wieder öffnen. Dann werde alles wieder grün, heißt es.
Das Moos werde mit der Kraft von 275 Bäumen die Abluft reinigen, die überwiegend die Busse rund um die Uhr ausblasen.
Verwunderlich bei der so emotional geführten Diskussion ist, dass nach der Installation der Wand keiner so mehr an weiterführende Maßnahmen denken wollte.
Ganz klar muss der Autoverkehr in der Stadt reduziert werden, freilich kann bei der topografischen Lage der Stadt die Innenstadt nicht sperren.

Das heißt auch, Tübingen kann auf das Nadelöhr Mühlstraße für den Verkehr nicht verzichten. Daraus resultiert auch die jetzt weniger aufgeregte Diskussion, wie es weitergehen soll. 
Ein altes Problem, das Tübingen ganz offesichtlich nicht lösen kann: Warum kann die Stadt die Ampeln nicht so schalten, dass erheblich mehr Fahrzeuge pro Grünphase durchkommen. Dann sollte man sich ernsthaft überlegen, ob man die Fahrzeuge zügiger durch die Wilhelmstraße führen kann, anstatt sie beim »Museum« aufzuhalten. Und warum stockt der Verkehr ständig in der Westbahnhofstraße, wo doch ein längeres »Grün« die Innenstadt entlasten würde?
Vielleicht sollte die Kommune auch einmal darüber nachdenken, ob sie wirklich eine Stadtbahn vom Bahnhof auf den Schnarrenberg führen will. Ganz abgesehen von den Kosten wären dafür erheblich und sehr umfangreiche Baumaßnahmen zu leisten. 
Bei der Stuttgarter Museumsnacht am vergangenen Wochenende hat der Künstler Erik Sturm versucht, das Problem mit der Frischluft auf seine Weise zu lösen. Er hat ein Frischluftzelt errichtet, in dem alle 15 Minuten Frischluftalarm ausgelöst wird: Es strömt gereinigte Luft ins Zelt. Dazu laufen thematisch passende Songs wie »Dust in the Wind« oder eine düstere Coverversion von Reinhard Meys »Über den Wolken« vom Band. Vergrößerte Schwarz-weiß-Aufnahmen von Feinstaubpartikeln hängen an den Zeltwänden. Bei Petra Maisenbacher, die für den Künstler arbeitet, gibt es 50 Feinstaub-Boxen zum Preis von je 50 Euro zu kaufen. Sie bestehen aus zwei Einmachgläsern. Das eine enthält Moos, wie es an der Mooswand am Neckartor hängt, das andere am Neckartor gesammelten Feinstaub.
Man könnte auch das Argument eines Fachmanns gegen die Feinstaub-Allergie der Gesellschaft stellen: Wer in seinem Büro Laserdrucker aufgestellt hat, tut gut daran, des öfteren zu lüften, auch wenn das Büro an einer stark befahrenen Straße liegt: Die Luft drinnen ist wesentlich starker mit Schadstoffen belastet als die Luft draußen. Schon daran gedacht?