Ein bisschen wird die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes immer noch mit Tübingen verbunden. Denn hier hatte sie ihren Sitz, bis sie ihn vor acht Jahren in die Hauptstadt Berlin verlegte.
Terre des Femmes Deutschland hat sich jetzt von seiner (jüngeren und organisatorisch völlig selbstständigen) Schweizer Schwesterorganisation getrennt oder öffentlich distanziert – im Streit um die Bewertung der Prostitution. Während die Schweizer Frauenrechtlerinnen von »Sexarbeit« sprechen, mit der selbstbestimmte Frauen gewissermaßen in einem ganz normalen Job ihren Lebensunterhalt verdienen, hält sie die deutsche Terre-des-Femmes für eine die Menschenwürde verachtende Gewalt an Frauen und empfehlen, nein kämpfen für ein Prostitutionsverbot nach »nordischem« Vorbild: Seit knapp zehn Jahren werden in Schweden Freier mit hohen Geldstrafen belegt. Norwegen, Island, Irland und - ja! - Frankreich folgten mit ähnlichen Gesetzen.

Es waren vor allem Frauen, die für Deutschland eines der liberalsten Prostitutionsgesetze bescherten, das die Hurenrechte stärken und die anschaffenden Frauen aus der Illegalität herausholen sollte, ihnen Kranken- und Sozialversicherungen sowie Einklagbarkeit ihres steuerpflichtigen Lohns bringen sollte.

Ob das in diesem Sinne gelungen ist, darf bezweifelt werden. Deutschland ist zum europäischen Eldorado des Gewerbes geworden. Im deutsch-französischen Grenzgebiet kann man das besichtigen. 
In Tübingen fällt die Prostitution nicht so auf. Aber zwanzig Autominuten auf der B 27 entfernt steht ein Sinnbild der deutschen Liberalität: Das »Paradise« am Echterdinger Ei machte Schlagzeilen, weil dort »Flatrates« angeboten wurden. Den Freiern standen für einen Paketpreis alle Damen des Hauses zur Verfügung. Angeblich hatten sie es da vergleichsweise mit dem Straßenstrich, seinen drogensüchtigen, oft auch minderjährigen Frauen gut und human. Aber auch diese Schönfärberei hat sich zerstreut, seit der Besitzer vor Gericht steht.

An diesem Herrn, der ganz früher mal unter der Berufsbezeichnung Lude oder Zuhälter gelaufen wäre, ist vor allem interessant, dass ihn die feine Stuttgarter Bussi-Gesellschaft in die Arme geschlossen hat und geradezu einen Vorzeige-Untermehmer in ihm sah, bei dem man(n) gut und gerne auch ein bisschen in sein Gewerbe investieren konnte.

Man könne das »älteste Gewerbe der Welt« nicht abschaffen, sagen die Befürworter der »liberalen« Linie und würde das Milieu zum Schaden der Frauen nur wieder ins unkontrollierbare Zwielicht drängen. Das lässt sich genauso wenig beweisen wie das Gegenteil, also dass der schwedische oder französische Weg eher dazu geeignet sind, Leid, Unterdrückung und Ausbeutung zu mindern.

Auch die Vergewaltigung in der Ehe, argumentieren die Befürworter eines Verbots, lässt sich nicht verhindern. Trotzdem ist sie seit einigen Jahren genauso strafbar wie jede andere Vergewaltigung auch. Und das ist auch gut so.

Ja diese Gesellschaft hat ein Frauenproblem, bei dem das sprachverhunzende »Gendern« sicher nicht das drängendste ist. Nicht nur bei den Vorstandsgehältern von Dax-Unternehmen, sondern auch bei der Prostitution. Und überhaupt: Im frommen Rottenburg können Rapper öffentlich und Open Air barbarisch frauenverachtende Texte herausbrüllen und dürfen diese Widerwärtigkeiten als Kunstfreiheit verkaufen. Schwer zu verstehen, dass dabei sogar Frauen andächtig oder begeistert zuhören.