Skandal oder Posse? Für zwei Mitarbeiter der Universitätsklinik Tübingen (UKT) hat ein Spaß womöglich ein böses Ende. Der Personalrat fordert arbeitsrechtliche Konsequenzen. 
Der Hintergrund: Auf einer Weihnachtsfeier philippinischer Pflegekräfte im vergangenen Dezember soll es so etwas Ähnliches wie Sexspiele gegeben haben. Sitzenden Männern sei eine Banane zwischen die Beine gesteckt worden, Frauen hätten davor gekniet und das Obst betrachtet. Bei einem anderen Spiel sollte eine Frau den auf dem Schoß eines Mannes drapierten Ballon zum Platzen bringen, indem sie mit Effet darauf hopste. Und die beiden UKT-Angestellten haben mitgemacht. Eigentlich alles Banane. Schönes Fest, nix passiert, alle fanden«s lustig. Doch halt!
Einer Person hat das Ganze gar nicht gefallen, sie hat fotografiert und die Bilder an eine Zeitung geschickt. Was den Anonymus dazu veranlasste, ist unklar, aber man kann es sich denken. In der vergangenen Woche gar wendeten sich Klinikumsdirektor Prof. Michael Bamberg und Verwaltungsdirektorin Gabriele Sonntag mit einer Videobotschaft an alle UKT-Mitarbeiter. Beide bedauerten den Vorfall und gaben sich geradezu reumütig. »Menschen machen Fehler«, solche Spiele »können in unserer Kultur Unverständnis und Missbilligung hervorrufen«, »Wir haben erkannt, dass wir uns alle weiterhin im interkulturellen Miteinander üben müssen«, heißt es in dem Video. 
So klingt Zerknirschung im Polit-Sprech chinesischer Funktionäre. Die philippinischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich inzwischen entschuldigt. Die Personalratsvorsitzende des UKT, Lena Mayr, verstieg sich zu der Aussage, man müsse die philippinischen Mitarbeiter dringend von »dieser Ansicht befreien.« Welcher Ansicht? Dass sie an den Vorkommnissen eine Schuld treffe? 
Es ist die berechtigte Ansicht philippinischer Pflegekräfte, von denen derzeit rund 100 am UKT arbeiten, dass sie in der Fremde Teile ihrer Alltagskultur leben dürfen. Dazu gehören auch traditionelle Gruppenspiele bei diversen Festivitäten, die als reiner Spaß gesehen werden und mit Sex überhaupt nichts zu tun haben. Davon »befreien?« Eine nicht nur unglückliche sondern überhebliche Wortwahl. »Unsere Kultur« missbilligt was? Dass Menschen einen anderen kulturellen Hintergrund haben?
Zugegeben, man kann darüber streiten, ob derartige Unterhaltungsangebote mit Bananen in tragenden Rollen wirklich witzig sind. Und wer«s geschmacklos findet, darf das. Denn wir sind eine freie Gesellschaft mit viel Platz für unterschiedliche Sitten und Gebräuche. Was für alle gilt. Doch es ist falsch verstandene Leitkultur, eigene Regeln reflexartig über die der anderen zu stellen. Der Ärztliche Direktor der Tübinger Kinderklinik, Prof. Rupert Handgretinger, ist einer der beiden Mitarbeiter, die an der Feier teilgenommen haben. Er ist in dieser Woche an die Öffentlichkeit gegangen, um sich zu erklären. Auch hier der Tenor: Fernöstliche und westliche Blickweisen müssen nicht zwingend identisch sein. 
Handgretinger kennt die philippinische Kultur aus eigener Anschauung, hat sich wiederholt auf den Philippinen aufgehalten und ist für das gute Klima zwischen der Uniklinik und den philippinischen Angestellten mitverantwortlich. »Partyspiele sind auf dem Inselstaat sehr verbreitet, dabei geht es ausschließlich darum, Spaß zu haben«, sagt er. »Filipinos schätzen es sehr, wenn jemand mit anderem kulturellen Hintergrund daran teilnimmt.« Die Reaktion im Klinikum und außerhalb habe die Filipinos getroffen, denn ihnen werde damit fehlendes Moralempfinden unterstellt, so der Arzt. 

Leider entspricht es dem aktuellen Zeitgeist, in vorauseilendem Opportunismus das vermeintlich politisch Korrekte als das Wahre zu verkaufen. Dem anfänglichen Aktionismus einiger Verantwortlicher im Klinikum sollte nun Besonnenheit folgen. Die unsinnigen Forderungen nach arbeitsrechtlichen Konsequenzen für die beiden Mitarbeiter sollten schnellstmöglich vom Tisch. 

Auch vor dem Hintergrund des akut bestehenden Pflege- und Personalnotstands in medizinischen Einrichtungen. Auf die philippinischen Pflegekräfte sind alle angewiesen, wir brauchen sie morgen mehr als heute. Sie sind unsere Freunde. Postkoloniale Denkschemata à la »Am deutschen Wesen, soll die Welt genesen« sind hier fehl am Platze. Lassen wir«s bei der Posse!