TÜBINGEN. Eingehüllt und ausgebeint steht er da, der Hölderlinturm. Zwar ist das keine Verpackungskunst der Marke Christo, aber es kann auch nicht weg, jedenfalls noch nicht so schnell. Denn bis 2020 wird Tübingens Wahrzeichen, diese Weihestätte der Weltliteratur, wo der seelenkranke Dichter zwischen 1807 und 1843 seine zweite Lebenshälfte in der Obhut der Schreinermeisters-Familie Zimmer verbrachte, gründlich saniert.

Umbau bis 2020
Der Zeitpunkt des Umbaus ist nicht zufällig gewählt. Denn spätestens zur Feier des 250. Geburtstages von Friedrich Hölderlin am 20. März 2020 sollen Turm und Haus mit einem ganz neuen Ausstellungskonzept wieder für Besucher geöffnet sein. Zum 150. Todesjahr des Dichters hatte die Hölderlin-Gesellschaft 1993 einmal 16 600 Literaturpilger an ihrem Sitz gezählt. Das wurde seither nicht mehr erreicht.
»Der Hölderlinturm ist einer der zentralen Erinnerungsorte der Weltliteratur«, sagte Tübingens Erste Bürgermeisterin Christine Arbogast zum Baubeginn voll Lokalstolz. Übertriebene Sorge beim Umgang mit originaler historischer Substanz aber müssen sich die Bauherren nicht machen.

Fotostrecke 2 Fotos

1875 vollständig abgebrannt
Turm und Wohnhaus, in dessen Untergeschoss damals der Schuhmachermeister Carl Eberhardt eine Badeanstalt betrieben hatte, waren im Jahr 1875 vollständig abgebrannt. Auf den verbliebenen Grundmauern errichtete man es neu, etwas größer und mit einem zusätzlichen Stockwerk. Dieses Obergeschoss war bis 2012 vermietet und soll nun in das neue Konzept einbezogen werden.
Die internationale Hölderlin-Gesellschaft, mit Geschäftsführerin Eva Ehrenfeld bis zum Sommer Mieterin, Museumsbetreiberin und Hausherrin, wird dort ihre Büroräume und ihre Präsenzbibliothek haben, während das obere Turmzimmer vom Treppenhaus aus in den Museumsrundgang einbezogen wird. Eine Arbeitsstelle des Deutschen Literaturarchivs in Marbach konzipiert die multimediale und »niederschwellige« Dauerausstellung mit wechselnden Themen. Die neue museale Hölderlin-Gedenkstätte wird formal eine Außenstelle des Stadtmuseums werden.
Dem ganzen Gebäude soll bei der Sanierung sein historisch anmutendes Ambiente bleiben. Wie mit den beim Entkernen gefundenen mutmaßlichen Überresten der 150 Jahre alten Badeanstalt – zwei gemauerten Wannen und einer Abflussrinne – umgegangen wird, ist laut Kulturamtsleiterin Dagmar Waizenegger noch nicht entschieden zwischen der Stadt und dem Denkmalamt.

Kosten 1,8 Millionen Euro
Die Kosten der im vergangenen August begonnenen Sanierung schätzt die Stadtverwaltung auf rund 1,8 Millionen Euro. Die Übergangszeit wollen Stadt und Hölderlin-Gesellschaft den Besuchern, Dichter-Verehrern und Literaturfreunden mit literarischen Stadtführungen und Stocherkahnfahrten Audio-Guides, Apps und Schildern sowie mit Lesungen, Vorträgen, Konzerten und Kolloquien an anderen Veranstaltungsorten der Stadt überbrücken.     –mab