MÖSSINGEN. Den eigenen Apfelsaft genießen oder Marmelade aus eigenen Kirschen aufs Brot schmieren: Das kann – verbunden mit ein wenig Arbeit versteht sich –, wer ein Gütle oder eine Streuobstwiese sein Eigen nennt. In Mössingen stehen sogenannte Allmandteile – kleine, rund zehn Ar große, mit jeweils fünf bis zehn Bäumen bestückte »Stückle« – zur Pacht frei. Und seit vergangener Woche geht das, dank der Online-Plattform MyStueckle.de besonders einfach.

Wer bisher eines der städtischen Allmandteile pachten wollte, musste zunächst umständlich historische Karten wälzen um den Standort einzugrenzen – und hatte dann immernoch keinen Überblick über die Obstsorten oder den Pflegezustand von Gütle und Bäumen. Das Netzwerk Streuobst wollte das vereinfachen. In aufwendiger Kleinarbeit haben die Initiatoren in Zusammenarbeit im »Arbeit in Selbsthilfe« in den vergangenen Monaten alle Allmandteile aufgespürt, kartografiert und auf den Pflegezustand untersucht. Insbesondere der Abgleich der historischen Karten mit heutigen Luftbildern stellte die Macher »vor massive Probleme«, wie Sabine Mall-Eder vom Netzwerk Streuobst berichtete. Die Ergebnisse können Interessierte jedoch nun auf der Online-Plattform finden – und, wenn sie möchten, gleich ein passendes Stückle per Mausklick pachten. 

»Streuobst 2.0«, beschreibt Uli Eder, ebenfalls vom Netzwerk Streuobst, die einfach gestaltete Webseite. Sie ist in drei Bereiche aufgeteilt: »Stücklewissen« – hier können Pächter in spe Wissenswertes über die Pflege ihres Stückles, ihre Pflichten und gegebenenfalls Hilfsangbote finden. Der Bereich »Stückle suchen« gibt Informationen über den Pflegezustand, die Erreichbarkein und die Obstarten. Geht man auf »Stückle zeigen« werden die einzelnen Wiesenteile angezeigt. Auf Wunsch auch bis ins kleinste Detail vom etwaigen Pflanzjahr eines Baumes über den Stammdurchmusser und den Anteil an Totholz oder den Grad der Verbuschung. Wer mag, kann sich das ausgesuchte Stückle auch als Satelitenaufnahme zeigen lassen.

»Wenn man die Kulturlandschaft erhalten will, muss man sie pflegen«, sagte Michael Bulander bei der Vorstellung der Online-Plattform. »Und das ist keine einfache Aufgabe«, so der Oberbürgermeister weiter. Denn von den rund 40 000 Streuobstbäumen rund um Mössingen gehören rund 10 000 der Stadt. Die Stadt eine akzeptable Pflege nicht alleine stemmen. »Wir schaffen das nicht ohne privates Engagement«, so Bulander.
Die bisher katalogisierten Stückle liegen alle zwischen Fockenwinkel und Auchtert unterhalb des Farrenberges. Wer einen Allmandteil für überschaubare 6,50 Euro pro Jahr pachten will, muss sich um die Pflege kümmern – das heißt, etwa zweimal im Jahr Mähen, bei Bedarf die Bäume zurück schneiden und, wenn nötig neue nachpflanzen. Und natürlich ernten. »Es ist was tolles, seine eigene Ernte einzufahren«, schwärmte Eder. »Man fühlt sich schon ein bisschen wie ein kleiner Landwirt«. Dabei brauche niemand Angst zu haben vor unbekannten Arbeiten wie etwa dem Baumschnitt. »Falsch ist, wenn man nichts macht«, betonte Marcus Hölz von »Arbeit in Selbsthilfe«.

Gekostet hat das Streuobstkataster rund 36 000 Euro. Davon übernimmt die Hälfte die Stadt, die andere Hälfte kommt aus Landesmitteln im Rahmen von Plenum. »Wir hoffen, dass andere Kommunen nachziehen«, betonte Kolja Schümann, Geschäftsführer des Vereins Vielfalt, der die Fördermittel koordiniert. Die erste Pacht-Anfrage bekam Hanna Buckenmayer vom Liegenschaftsamt übrigens bereits um 6.30 Uhr am Starttag der Plattform.

Durch das Naturerlebnis sei gerade für Familien ein eigenes Stückle ideal, betonte Bulander. Man dürfe das Grundstück zwar nicht umzäunen, bebauen oder eine Grillstelle errichten. »Aber gegen ein Picknick haben wir natürlich nichts«, so der OB.