TÜBINGEN. Geradezu liebevoll hält Barbara Grieb, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands »Das frühgeborene Kind«, Lewis in ihren Händen. Man könnte meinen, die zarte Frühchen-Puppe öffne jeden Moment die Augen – so echt sieht sie aus. Und ein bisschen wie ein echtes Baby fühlt sich Lewis sogar auch an – das Gewicht der Puppe gleicht mit 750 Gramm dem eines Babys in dem Stadium der etwa 28. Schwangerschaftswoche, die Proportionen der Extremitäten sind wirklichkeitsgetreu und auch deren Beweglichkeit wurde der eines echten Babys nachempfunden.

Kurse mit der Frühchenpuppe
Eltern zu früh geborener Säuglinge fühlen sich häufig sehr unsicher im Umgang mit diesen – selbst dann, wenn es sich nicht um das erste eigene Kind handelt. Nach der Geburt sind sie daher froh über die professionelle Unterstützung durch Kinderkrankenschwestern und Hebammen. Trotzdem findet aktuell ein Umdenken in Fachkreisen statt, wie Dr. Prof. Christian Poets, Ärztlicher Direktor der Neonatologie Tübingen, erklärt: »Die Eltern werden dazu ermutigt, so früh wie möglich selbst für ihr Kind zu sorgen, auch schon auf der Intensivstation.« Es ist sogar wissenschaftlich belegt, dass sich Kinder besser entwickeln, wenn ihre Eltern möglichst früh in nahem Kontakt zu ihnen stehen. Was früher fehlte, um sich darauf vorzubereiten, erfuhr Barbara Grieb vor 25 Jahren selbst – ihr erstes Kind kam zwölf Wochen zu früh zur Welt. »Ich hatte eine sehr gute Unterstützung aber habe dennoch gemerkt, was mir und anderen Eltern, die mit mir gleichzeitig in der Klinik waren, fehlte.« Durch die moderne Medizin ist inzwischen in vielen Fällen absehbar, wenn ein Kind zur früh geboren wird – trotzdem stehen in den meisten Kliniken bislang nur große Puppen für Vorbereitungskurse für Eltern und Schulungskurse für Krankenschwestern und Hebammen zur Verfügung. Frühchen unterscheiden sich jedoch wesentlich von später geborenen Kindern – beispielsweise können sie sich schlechter »halten« als ältere Babys, ihnen fehlt der Mutterleib, der ihnen normalerweise in diesem Stadium noch halt geben und sie in die richtige Position bringen würde. Grieb führt vor, wie Krankenschwestern den Eltern frühgeborener Kinder anhand der Puppe zeigen können, wie sie ihr Kind wickeln, halten, baden und lagern sollten. »Man muss das selbst erlebt haben, und darum ist auch die Arbeit von Betroffenen, die die Kraft zur Selbsthilfe haben, so wichtig«, so Dr. Poets. Die Tübinger Krankenschwestern konnten es kaum erwarten, mit einer Frühchenpuppe zu arbeiten. Lewis ist jedoch nicht käuflich, sondern kann nur als Spende erworben werden, um die sich die Kinderklinik neben anderen Kliniken bewarb. »Wir freuen uns riesig, nach anderthalb Jahren mit der Puppe arbeiten zu können«, so Fachkrankenschwester Jutta Armbruster.

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Selbstvertrauen als Ziel
Mit viel Detailliebe gestaltet die Rendsburger Künstlerin Ursula Konhäuser die zarte Reborn-Puppe, bis zu 120 Arbeitsstunden vergehen dabei – vor allem das vielschichtige Kolorieren der Haut mit den für Neugeborene typischen kleinen Rötungen im Augen- und Stirnbereich erfordert viel Erfahrung. Das Ergebnis ist verblüffend und betroffene Eltern haben mit Lewis eine Chance, sich schon vor der Geburt ihres eigenen Kindes mit den Maßen eines Frühgeborenen vertraut zu machen. »Unsere Aufgabe ist, den Eltern selbstvertrauen zu vermitteln – damit sie sagen »ich kann das schon««, so Poets.     –shi