21 Jahre lang war Gerhard Breuninger der Chef der GWG Tübingen. Pünktlich zu seinem 65. Geburtstag wird er nun verabschiedet.

TÜBINGEN. Im April 1996 wurde Gerhard Breuninger hauptamtlicher Geschäftsführer der GWG Tübingen, der Gesellschaft für Wohnungs- und Gewerbebau. Seit Anfang Mai ist er in Ruhestand, genau 21 Jahre
später und wenige Tage nach seinem 65. Geburtstag. Unter Gerhard Breuninger ist die GWG erheblich gewachsen und hat für Tübingen zahlreiche neue Aufgaben übernommen. Seinen Nachfolger hat Breuninger eingearbeitet: Uwe Wulfrath ist seit März bei der GWG und übernimmt zum 1. Mai. Gerhard Breuninger wurde 1952 in Tübingen geboren. Wer ihn kennt, kennt auch seine sachliche, bodenständige und unaufgeregte Art. Seine Ziele erreicht er in aller Regel ebenso unauffällig wie reibungslos. Planvoll und solide hat er die GWG zur heutigen Größe aufgebaut: Die Zahl der Beschäftigten wuchs unter ihm von zehn auf 35, die Zahl der GWG-eigenen Wohnungen
und Gewerberäume hat sich etwa verdoppelt auf nun rund 2000, das Eigenkapital des Unternehmens hat sich parallel verdreifacht. Die Bilanzsumme
stieg von 39 Millionen Euro im Jahr 1996 auf 148 Millionen Euro zum Jahresende 2016. Aus einem kommunalen Anhängsel ist ein selbstbewusstes Unternehmen geworden, das die Stadt Tübingen mitgestaltet und am Wohnungsmarkt Angebote für alle Schichten macht. Als Gerhard Breuninger Mitte der 1990er-Jahre zur GWG kam, war er gerüstet – er kannte sich aus mit Baulichem und auch mit dem engsten Partner, der Stadtverwaltung. Im Tübinger Rathaus hatte er seine Ausbildung für den gehobenen Verwaltungsdienst gemacht und alle Ämter durchlaufen. Die Stadt übernahm den Berufsanfänger 1974 ins Liegenschaftsamt, wo er für
Grundstückskäufe und -verkäufe zuständig war. Vier Jahre später wechselte er ins Sozialamt und übernahm die vakante Leitung der Wohngeldstelle samt
stapelweise liegen gebliebener Anträge. Zwei Jahre später ging es zurück ins Liegenschaftsamt. Breuninger wurde dort stellvertretender Leiter und stieg 1988 auf zum Amtsleiter.

Vom Nebenamt zur
Lebensstellung

Von 1989 an tauchte die GWG häufiger in Gerhard Breuningers Terminkalender auf. Damals war es üblich, einen Vertreter der Stadt als nebenamtlichen, zusätzlichen Geschäftsführer der GWG einzusetzen. Aus dieser Position heraus bewarb sich Breuninger 1996 auf den Posten des hauptamtlichen Geschäftsführers und setzte sich gegen 30 Konkurrenten durch. Seine Bedingung war: Er entscheidet ohne nebenamtlichen Zweit-Chef aus der Stadtverwaltung, also seit dem Abschied seines Vorgängers 1997 allein.
In Breuningers ersten Jahren vor der Jahrtausendwende erlebte die GWG einen Quantensprung. Ausgelöst durch die Stadt: Tübingen musste die
städtischen Bilanzen sanieren. Der Gemeinderat hatte entschieden, dass zu diesem Zweck die Tochtergesellschaft GWG den größten Teil der städtischen
Immobilien kaufen sollte. Dieser strategische Schritt wurde in drei Paketen abgewickelt, 1997, 1998 und 2007. Quasi über Nacht hatte die GWG – politisch gewünscht – hohe Schulden und besaß hunderte zusätzlicher
Wohnungen und Gebäude, nicht wenige davon dringend sanierungsbedürftig.
Eine Herkules-Aufgabe, die sich unter Breuninger gut entwickelte. Dass mit Boris Palmer im Jahr 2007 ein Oberbürgermeister ins Amt kam, der Klimaschutz sehr wichtig nahm, brachte eine weitere Wende für die GWG. Denn der neue OB, von Amts wegen auch GWG-Aufsichtsratsvorsitzender,
forderte von der Tochtergesellschaft: Die GWG möge binnen acht Jahren die Hälfte ihres Wohnungsbestands klimafreundlich sanieren. Gerhard Breuninger wusste, dass dies nicht zu schaffen war. Er erbat sich Bedenkzeit – und überzeugte anschließend Palmer von einem Modernisierungskonzept, das auf zwölf Jahre angelegt war. Das Volumen: knapp 1000 Wohnungen und rund 90
Millionen Euro Investitionen. Dieses Programm setzt die GWG seit 2008 erfolgreich um, spätestens 2021 soll es abgeschlossen sein.

Als Bauträger Geld verdienen
Parallel hat die GWG neue Wege gefunden, um all dies finanzieren zu können:Sie hat neben dem umfangreichen Modernisierungsprogramm auch ihre
Tätigkeit als Bauträger deutlich ausgeweitet. Denn über den Verkauf von Eigentumswohnungen kann sie nötige Mittel fürs Modernisieren beschaffen. In
der Praxis ist ein Konzept entstanden, das sich mittlerweile vielerorts bewährt und in dem Breuninger heute sein Vermächtnis sieht: die kleinteilige Mischung in Wohnquartieren.
Der Meilenstein dieser Strategie findet sich am Rand der B27 – es sind die »Drei Höfe«. Die ehemaligen Garnisonsgebäude an der »Stuttgarter Straße«
waren zeitweise Tübingens schlimmste Adresse.
Gerhard Breuninger hatte prognostiziert: »Wenn wir nur sanieren, erreichen wir nicht, was wir sollen.«

Eine dauerhafte Aufwertung gelinge nur, indem man behutsam eine neue Sozialstruktur schafft, verschiedene Bewohner sich mischen und gezielt private
Bauherren eingebunden werden. Fragt man den scheidenden Breuninger, welcher der vielen vertrauten Orte in der Stadt ihm künftig im Vorbeifahren die größte Freude machen würde, dann sind es die »Drei Höfe«.


Das eigene Haus sanieren.
Einem Gerhard Breuninger wird es auch ab Mai 2017 nicht langweilig.
Seine Krawatten wird er noch eine Zeit lang brauchen: Er ist Aufsichtsratsvorsitzender
der Volksbank Tübingen und möchte die Bank in den kommenden Jahren weiter begleiten, zumal eine Fusion mit der VR-Bank Steinlach-Wiesaz-Härten ansteht. Pünktlich zum Ruhestand steht auch die energetische Sanierung des eigenen Hauses an.
Darüber hinaus wird er zum zweiten Mal Opa, und seine Frau, die Kinder und Enkel haben schon viel mit ihm vor. –tw