Standing Ovations für Cem Özdemir, der ganze Saal jubelt. Der grüne Bundestagsabgeordnete bekommt für sein leidenschaftliches Plädoyer im Reichtstag im Februar vergangenen Jahres vom Rhetorischen Seminar der Universitat Tübingen den Preis für die beste Rede des Jahres verliehen. »Cem Özdemir verteidigt mit scharfer Zunge das Grundprinzip der Pressefreiheit und plädiert für eine offene Gesellschaft, gegen Ausgrenzung und Spaltung», deklariert der Leiter des Rhetorischen Seminars Professor Dr. Olaf Kramer in seiner Lobrede auf den 53-jährigen Bundestagsabgeordneten. 
Schon seit 1998 vergibt das Seminar der Universität nun schon den Preis, unter anderem erhielten ihn Norbert Lammert und Gregor Gysi. »Bei uns ist das Parlament keine oberste Zensurbehörde«, verteidigt Cem Özdemir damals die freie Meinungsäußerung. Mit seinem engagierten Beitrag reagierte er damals auf Anträge der AfD, deren Ziel es war, den damals frisch entlassenen deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel zurechtzuweisen. »Damals verteidigte ich nicht nur Deniz Yücel, sondern auch die Erinnerungskultur und Vielfalt unseres Landes«, erklärt Cem Özdemir im Gespräch mit Kramer seine Motivation. 
Bewertungskriterien der Jury aus Studierenden und Professoren*innen bei der Wahl des Preisträgers waren unter anderem öffentliche Resonanz, Überzeugungskraft, und Vortragsstil. Wie jedes Jahr wurde die Nominierung Mitte Dezember des Jahres bekannt gegeben- nur die Reaktionen waren diesmal anders. »Kurz nach der Bekanntmachung fand ich einen Schwall an Beleidigungen und Drohungen in meinem Email-Postfach. Anrufe gab es auch – doch da kam man oft ins Gespräch miteinander», so Professor Dr. Olaf Kramer. Dass sich die politische Debatte verändert hat, findet auch Preisträger Özdemir. »Für einen Diskurs, der von Angesicht zu Angesicht stattfindet, müssen wir heutzutage kämpfen.« Das Internet habe eine ganz andere Formen der politischen Meinungsbildung hervor gebracht, so der Bad Uracher. »Wir Politiker trauen uns schon gar nicht mehr, ganz frei zu Reden. Wir haben Angst, eine große Internetdebatte auszulösen«, sagt der deutsch-türkische Politiker. Doch diese Fehlerkultur sei trotz der Folgen notwendig, stimmen Kramer und er überein. Der anatolische Schwabe, wie Özdemir sich selbst nennt, hat jedoch auch seinen Spaß gehabt damals im Bundestag. «Es hat mir bübische Freude bereitet, das Deutsch-Sein mit zu definieren, gerade wegen meines türkischen Namens», erklärt der zweifache Vater schmunzelnd. So machte er am Ende seiner Rede einen Bogen zu seiner Heimat, die er im Flieger nach Stuttgart und in der Ermstal-Bahn erreicht: «Und dann lande ich am Endbahnhof Bad Urach, da ist meine Heimat, und die lasse ich mir von denen nicht nehmen».                    -ras