Nicht nur die Pförtnerampel und  ihre Folgen brennt den beiden RTaktiv-Vorsitzenden unter den Nägeln. In Teil zwei unseres Gespräches geht es um die Stadtentwicklung.  Die RTaktiv-Chefs  sind beide engagierte Reutlinger und wollen die Stadt voranbringen. Doch in der Entwicklung sehen sie Mängel, vor allem in Bezug auf die Einkaufsstadt. Christian Wittel und Edgar Lehmann zeigten in dem Gespräch ein wunderbares Gespür für die Situation. Wir haben das Gespräch vor dem Bekanntwerden des Markenbildungsprozesses geführt . Das Ergebnis unterstreicht ihre Einschätzung.

Warum gehen Menschen heute noch in die Stadt?

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Lehmann: Wegen des hohen Einkaufserlebnisses. Kostenloses Wlan, kostenloses Wasser viele kleine Aktionen. Wenn das attraktiv ist und ein  hoher Aufenthaltswert samt saubere Umgebung vorherrscht, dann kommen die Leute.. Wenn wir unseren Marktplatz anschauen, der ist sowas bepflastert mit verschiedenen Oberflächenbelägen, das ist doch grausam.

Wittel: Im Prinzip spiegelt er ein Stück die Seele der Reutlinger gerade wider.

 Was  fordern Sie von der Stadt?

Lehmann: Dass sie  weiterhin wie in den vergangenen Jahren auch ordentlich erreichbar ist. Dass genügend erschwingliche Parkflächen bereitgestellt werden und dass nicht noch weitere Steine in den Weg gerollt werden. Dass der Individualverkehr nicht noch weiter rausgedrängt wird.

Wittel: Das größte Problem für Reutlingen ist momentan, dass sie sich selber sehr schlecht verkaufen und dass man Dinge schlecht redet. Wenn man den Leuten lang genug erklärt, was in Reutlingen nicht gut ist, irgendwann glauben sie es.

Was muss sich ändern?

Wittel: Vielleicht sollten wir das auch mal das, was nicht so gut läuft runterschlucken und die positiven Dinge mehr hervorkehren. Das fällt dem Reutlinger an sich vielleicht aufgrund seiner altpietistischen Prägung etwas schwer. Aber es ist schon so, dass andere Städte mit deutlich weniger interessanten Attributen viel mehr Werbung machen für sich und viel lauter trommeln als das Reutlingen tut. Wir hätten Grund stolzer auf das zu sein, was wir im Kulturellen und  auch im Einzelhandel haben. Wir haben eine tolle Innenstadt, aber es gibt Verbesserungsmöglichkeiten.

Ihre Aussage deckt sich inhaltlich genau mit dem, was der Markenbildungsprozess nun zu Tage gebracht hat.

Wittel: (lacht) ja ich war auch erstaunt, als ich das Ergebnis gehört habe. Wir fühlen uns darin bestätigt, dass der Handel nicht ganz unwichtig ist für diese Stadt und eine Zugkraft ist  -  auch über die Stadtgrenzen hinaus.  Es ist ja nicht alles schlecht hier, wie gesagt, nur muss man effizienter werden.

 

Beispiel?

Wittel: Wir haben vor zwölf Jahren angefangen mit der Innenstadtgestaltung und das Projekt ist bis heute nicht abgeschlossen.

Die Konsequenz daraus?

Wittel:  Es muss schneller umgesetzt und zu Ende gebracht werden. Ein Gemeinderat sollte sich nicht auf die Schulter klopfen, dass er die Wilhelmstraße, Katharinenstraße und ein Fitzelchen Kanzleistraße gestaltet hat, sondern es muss weitergehen. Der Marktplatz...

Lehmann: ...ist noch nicht mal geplant. Die Eingangstür Stuttgarter Knoten wirkt nicht gerade einladend. Auch hier passiert nichts. Eine Stadt muss heute viel viel mehr tun, um das zu bewahren.

Gibt es Beispiele von anderen Städten?

Wittel: Dass es auch sehr viel schneller geht beweist Mannheim. Für die Innenstadtgestaltung samt Infrastruktur sind vier Jahre anberaumt und keine zwölf. Bis 2019 soll alles fertig sein. Rund 29 Millionen Euro investiert die Stadt in das Projekt.

Thema Parken: Ein paar Kilometer weiter in Metzingen parkt man für wenig Geld ziemlich lange. Hier in Reutlingen wird man richtig abgezockt.

Wittel: Da hoff ich auf 2019. Dass die Buskonzeption, die uns gerade vorgestellt worden ist, Früchte trägt. Ich finde es auch eine sensationelle Geschichte, dass wir in das Bundesförderungsprogramm gekommen sind und dass man dadurch den Ganzjahresbustarif auf einen Euro reduzieren kann. Das ist eine spannende Geschichte, um die Attraktivität des Nahverkehrs zu erhöhen. Es klingt aus meiner Sicht wirklich spannend.

Warum?

Wittel: Weil wir eine bessere Vertaktung und bessere Vernetzung haben. Die Leute können  an mehreren Stellen ein und aussteigen. Das macht es auch für den Einzelhandel attraktiver weil unsere Kunden leichter  in die Innenstadt  und  auch wieder hinausgelangen.

Einen Wehmutstropfen gibt es dabei allerdings.

Wittel: Genau: Ein klassiches Park und Ride ist damit nicht umgesetzt. Das wär auch ein Wunsch den wir hätten. Da muss es eine Kombination geben: wer draußen parkt hat damit ein Busticket und umgekehrt.

Lehmann: Ich möcht noch mal für die Parkplatzkosten eine Lanze brechen. Wir können uns nicht vergleichen mit einer Kleinstadt Metzingen, die ganz anders bewertet wird. Da können wir uns nicht mit Birnen vergleichen, wenn wir Äpfel sind. Wenn die Stadt attraktiv ist, dann hält es auch die Parkkosten.

Otto Normalverbraucher sieht das aber nicht so.

Lehmann:  Wir müssen an unserem Image feilen.  Wenn die Stadt attraktiv ist, dann ist der Verbraucher auch bereit, Parkhauskosten zu bezahlen.

Wittel: Ich tue mich immer schwer, wenn Reutlingen dabei ist, Parkplätze abzuschaffen. Dann  hab ich einen viel höheren Druck – allein schon für meine Mitarbeiter Parkplätze zu finden. Man kann für eine Teilzeitkraft kein Monatsticket in einem Parkhaus finanzieren, das steht wirtschaftlich in keinem Verhältnis. Es gibt keine attraktiven Teilzeitparkmöglichkeiten oder Teilzeitjobtickets für Bus, sondern es gibt immer nur starre Systeme.

Wie sehen Sie denn die Verwaltung?

Wittel: Ich hab immer den Eindruck, da wird gehandelt, und dann erst darüber nachgedacht, was die Konsequenz ist. Wenn man an einer Schraube dreht, muss man sich ernsthaft überlegen, was für alternative Möglichkeiten können wir den Leuten anbieten.

Lehmann: Wenn wir das, was wir wissen, machen würden, hätten wir schon viel erreicht. Das zeigt sich jetzt wunderbar im Markenbildungsprozess.

Interview von Gabi Piehler und Dieter Reisner