TÜBINGEN. Singen ist mit Tübingen nicht nur über die A 81 verbunden. Der Landesarmutsbericht von 2015 hat die alte Industriestadt am Hohentwiel – Maggi und Aluminium – und die Unistadt in eine Verbindung gebracht. Unter der Regie von Elisabeth Stauber, Abteilungsleiterin beim Sozialamt, war Singens Erste Bürgermeisterin Ute Seifried jetzt auf Gegenbesuch zu einem sozialen Lokaltermin bei ihrer scheidenden Tübinger Kollegin Christine Arbogast zu Gast.

Singen und Tübingen (und Mannheim) waren im Landesarmutsbericht für ihre Bemühungen gelobt worden, der Kinderarmut etwas entgegenzusetzen und die Chancen zur sozialen Teilhabe für Familien mit schlechtem Einkommen zu verbessern. Die Tübinger interessierte in Singen zum Beispiel das Konzept der Familienberaterinnen, beim Gegenbesuch wollte sich die Hegau-Delegation unter anderem nach den Erfahrungen mit der Familiencard erkundigen. Nach dem Besuch etwa beim Projekt NASE in der Südstadt traf man sich zum abschließenden Gespräch am Lorettoplatz. Dort hat das Familienzentrum »Eikiko« seinen dritten Standort, das vor 17 Jahren als Elterninitiative gegründet wurde. Leiterin und Mitgründerin Christiane Zenner-Siegmann stellte die hellen Räume vor und erzählte von den ersten und den gegenwärtigen Aktivitäten des Elternvereins, der sich als »autonomer, aber gut vernetzter vielsprachiger Familientreff« versteht. Man arbeitet unter anderem beim »Runden Tisch Kinderarmut« der Stadt zusammen. Das Essensangebot eines »Gedeckten Tischs für alle« hat sich »Eikiko« zum Programm gemacht. »Wir wollen vor allem ein offener Ort sein«, sagte die Leiterin. Die Städte Tübingen und Singen sind sich nicht unähnlich in ihren sozialen Strukturen und Problemen. Während in der Hegaustadt inzwischen weit über 50 Prozent der Menschen und zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen einen Migratonshintergrund haben, sind es in Tübingen noch etwas weniger.
Dafür sieht es bei der Kinderarmut - überraschenderweise - andersherum aus.
Und in beiden Städten so schlecht, »dass es uns nachdenklich stimmen sollte«, so die Erste Bürgermeisterin Christine Arbogast: Jedes siebte Kind gilt in Singen als arm, in der Universitätsstadt sogar ein noch höherer Anteil (»jedes sechste bis siebte« laut Sozialamtsleiterin Stauber). »Armut ist da, das gibt’s einfach«, sagte die Singener Erste Bürgermeisterin.
Und mit ihren Gastgeberinnen war sie sich einig, dass sich Kinderarmut nicht nur einfach über das fehlende Geld auswirke, sondern über den Mangel an sozialer Teilhabe. Dem versucht man in Tübingen zum Beispiel über die Familiencard/Kindercard entgegenzusteuern, die dem Nachwuchs aus einkommensschwachen Familien etwa die Teilnahme am Kinderzirkus Zambaioni oder an Schwimmkursen ermöglicht. Das »riesengroße Angebot«, so die Tübinger Sozialamtsleiterin nicht ohne ein wenig Stolz, werde inzwischen von 2000 Kindern genutzt.

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Dass Armut kein Stigma sein soll, das die Benachteiligten noch weiter ausgrenzt, das ist in der Tübinger Sozialarbeit (»Bündnis für die Familie«) auch wichtig. Es sei ein Unterschied, so Elisabeth Steuer, ob ein Kind durch einen Zuschuss mit zum Schulausflug dürfe oder »auf Einladung der Direktorin«. - mab