TÜBINGEN. Umzugstage am Ufer der Ammer: In der Köllestraße 1 starten sieben Frauen in einem neuen Zuhause einen neuen Lebensabschnitt. Das ambulant betreute Wohnprojekt in der Weststadt wurde speziell für Frauen in Wohnungsnotfällen geschaffen. Das Wohnhaus ist angegliedert an das UZF im
Schleifmühleweg, also das Beratungs- und Unterstützungszentrum für Frauen in Wohnungsnot und sozialer Ausgrenzung. An beiden Standorten werden die
Frauen betreut von einem Team des Trägers Diakonieverbund Dornahof und Erlacher Höhe. Bauherrin und Vermieterin ist die Gesellschaft für Wohnungsund Gewerbebau (GWG) Tübingen. Sie hat in die sieben Ein-Zimmer-Apartments über
900 000 Euro investiert.
Das Wohnhaus in der Köllestraße vervollständigt Tübingens neues Konzept für die Betreuung von Frauen in Wohnungsnotfällen.

Bislang nur provisorisch
Lange Zeit gab es in Tübingen
eher provisorische Angebote für Frauen an mehreren Stellen in der Stadt.
Seit 2014 haben Stadtverwaltung, GWG und die Dornahof Tübingen Wohnungslosenhilfe
gemeinsam neue Lösungen entwickelt.
Ein erster wichtiger Schritt war 2017 die Eröffnung des UZF im Schleifmühleweg. Dort gibt es eine Beratungsstelle, einen Tagestreff und zwei Wohnplätze für Frauen, solange
deren Hilfebedarf geklärt wird – diese Zimmer sind allerdings keine Bleibe auf die Dauer. Daher war die Ergänzung wichtig: In der Köllestraße können
Frauen bis zu zwei Jahre wohnen.

Eine sichere Bleibe
In dieser Zeit werden sie von Fachkräften dabei unterstützt, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Wenn Frauen ihr Zuhause verlieren, kann das ganz unterschiedliche Gründe haben, erklärt Sozialarbeiterin Isabell Amann von der Dornahof Tübingen Wohnungslosenhilfe, die in der Beratungsstelle im Schleifmühleweg viele Schicksale hört: Trennung, Armut, Überschuldung, Sucht, Gewalt oder auch eine psychische Erkrankung. Ein Leben in Obdachlosigkeit ist für Frauen jedoch gefährlich. »Wir wollen für die Frauen den Kreislauf der ungesicherten Lebensverhältnisse durchbrechen«, sagt Isabell Amann. »Und wir begleiten die Frauen. Das Ziel ist, dass sie ihren Alltag wieder selbst bewältigen können.« Oberbürgermeister Boris Palmer, der auch Aufsichtsratsvorsitzender der GWG ist, begrüßt das neue Angebot in der Köllestraße. »Frauen in Not müssen schnell eine sichere Bleibe finden«, sagt er. »Es war mir sehr wichtig, dass wir dafür ein geeignetes Gebäude in guter Lage errichten. Ich bin froh, dass das Projekt trotz vieler Schwierigkeiten nun am Ziel ist. Hoffentlich trägt es dazu bei, dass Frauen schlimme Erlebnisse überwinden können und ihnen ein neuer Start gelingt.«
Der Baugrund in der Köllestraße war ein städtisches Grundstück, auf dem früher eine Wohnbaracke stand, die als Notunterkunft genutzt wurde.
Die GWG hat das Grundstück gekauft und die Baracke abgerissen. Geplant wurde der Neubau vom Tübinger Architekten Matthias Bruder, realisiert von regionalen Baufirmen. Allerdings konnte man erst nach einigen Verzögerungen bauen,
zuvor mussten rechtliche Fragen mit Nachbarn geklärt werden.

Betonbohrpfähle 
Das Bauen war auch technisch nicht einfach: Weil der Untergrund im Bereich des Ammer-Ufers instabil ist, war eine Tiefgründung nötig – 15 Betonbohrpfähle wurden bis zu 20 Meter tief in den Untergrund getrieben. Darauf errichtete
die GWG drei Etagen plus Dachgeschoss, insgesamt 212 Quadratmeter Wohnfläche. »Wir freuen uns, wenn wir mit einem solchen Projekt helfen können«,
sagt GWG-Geschäftsführer Uwe Wulfrath. »Und wenn man das fertige Gebäude jetzt sieht, fügt es sich auch wunderbar in seine Umgebung ein.«
Die sieben Apartments sind jeweils rund 30 Quadratmeter groß. Die GWG vermietet
das Haus als Ganzes an den Dornahof. Dieser hat die Wohnungen eingerichtet und vermietet sie weiter.     –tw