TÜBINGEN. Wenn alte Häuser saniert werden, sind häufig Emotionen im Spiel. So ist das auch beim etwa 500 Jahre alten Rathaus in Tübingen, das für rund elf Millionen Euro restauriert wird. Oberbürgermeister Boris Palmer hat sich selbst zum Stadtführer ernannt, um den Bürgern das neu restaurierte Rathaus von innen zu zeigen: »Mein Ziel ist, dass Sie nach dieser Führung der Meinung sind, dass die Steuergelder sinnvoll eingesetzt werden«, sagte er zu Beginn der Führung im neuen Foyer. Dort, wo früher dunkle Abstellräume waren, befindet sich nun erstmal eine kleine Ausstellung zur Renovierung des Rathauses. »Der Gemeinderat diskutiert seit zwei Jahren darüber, was mit dem Raum gemacht wird«, sagte das Stadtoberhaupt. Kein Wunder – der Raum bietet einen schönen Aufenthalt.

Bausünden aus den 60ern
Palmer ließ sich auch einige kritische Fragen gefallen, etwa bezüglich der Dauer der Bauarbeiten. Diese kamen auch zustande, da die Bauarbeiter bei der Restaurierung auf ungeahnte Herausforderungen stießen. Renovierungsarbeiten aus den 60er Jahren hatten schwere Schäden an dem Gebäude verursacht. So war etwa die Holzverkleidung einer mittelalterlichen Säule im Erdgeschoss durch eine 50 Jahre alte Stahlstütze gespalten worden. In den 60er Jahren hatte man das ganze Haus auf schmale Stahlpfeiler gestellt – zu der damaligen Zeit ein gängiges Stilmittel, mit dem Fortschrittlichkeit ausgedrückt werden sollte. So musste das Rathaus für die Sanierung angehoben und wieder gesenkt werden. Mittlerweile zeigen sich im ganzen Gebäude wieder die schönen alten Holzsäulen. Stolz ist Palmer auch auf den Boden im Foyer – Sandstein aus Pliezhausen. Den zu bekommen, war ein echter Kampf für den Oberbürgermeister, doch es ist gelungen.

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Überlastung des Rathauses
Einen der größten »Schreckmomente« seiner Amtszeit erlebte Palmer, wie er bei der Führung erzählt, als Statiker ihm klarmachten, dass das Rathaus mehr Last trug, als es statisch gesehen konnte. »Dass das ganze Stadtarchiv im Dachgeschoss eingelagert war, war ein Fehler aus den 60er Jahren.« Auf eine komplette Räumung des Rathauses verzichtete Palmer.
Über eine deutliche Verbesserung darf sich der Gemeinderat, der im Ratssitzungssaal im ersten Obergeschoss tagt, freuen.

Ungetrübter Blick auf den Markt
Der integrierte Abstellraum wurde herausgerissen, wodurch der Saal seine ursprüngliche Achse wieder erhalten hat. Die Sprossenfenster wurden durch Glasfenster eingetauscht – nach einem Bild aus dem Jahr 1877, auf dem die Fassade mit diesen Fenstern zu sehen ist. Neue LED-Leuchten und elegante Möbel wurden angeschafft. Eines der Fenster wurde im alten Zustand gelassen, um einen Teil der Geschichte des Gebäudes sichtbar zu lassen – ein Prinzip, das an vielen Stellen im Rathaus eingesetzt wurde.

Sich im Rathaus trauen
Der ehemalige Hofgerichtssaal ist inzwischen eines der schönsten Räume im Rathaus. Erbaut im Jahr 1496, befanden sich in den letzten Jahren fünf Büros darin. Die Stahlträger wurden durch ein zweigeschossiges Hängewerk ersetzt und die neue Wandbemalung ist eine Rekonstruktion der Fassung aus den 1920er Jahren. Und wer in Tübingen heiraten will, kann dies nun in der Großen Gerichtsstube tun. In dem holzvertäfelten, gemütlichen Raum tagte ursprünglich das Stadtgericht.