Solange wie möglich sollen ältere Menschen in ihrem sozialen Umfeld bleiben. Das ist das Ziel der Tübinger Pflegestrategie, die den demografischen Wandel beachte: Waren 2016 noch rund 13 000 Bürger und Bürgerinnen in Tübingen über 65 Jahre alt, werden es laut der Stadt im Jahr 2030 etwa 18 000 sein. »In Deutschland gibt es den Rechtsanspruch auf Kindergartenplätze, aber keinen auf die Pflege«, sagt Daniela Harsch, Sozialbürgermeisterin von Tübingen. Daher sollen im Rahmen des Projekts »Seniorenleben und Pflege«, das die Pflegestrategie entwickelte, ambulante und dezentrale Angebote in der Kernstadt und allen Teilorten ausgebaut werden.


146 Plätze fehlen

»Wir haben nach den Sozialräumen und ihrem Bedarf geschaut und hochgerechnet wie viele Pflegeplätze gebraucht werden«, sagt Elisabeth Stauber, Leiterin des städtischen Fachbereichs Soziales. Ihre Prognose für das Jahr 2030 ist, dass in der Kernstadt 36 und in den Teilorten Unterjesingen, Hagelloch, Bebenhausen, Pfrondorf, Weilheim, Kilchberg, Bühl und Hirschau 146 Dauerpflegeplätze fehlen würden. 
Vor allem in den Teilorten gebe es fast keine Einrichtungen. Um die passenden Angebote zu leisten, seien für Cordula Körner, Fachabteilung Sozialplanung und Entwicklung, zwei Fragen besonders wichtig: »Erstens, welchen Bedarf sehen wir als Verwaltung. Zweitens, was brauchen die Bürger und Bürgerinnen?« Sie fügt hinzu: »Wir brauchen sorgende Gemeinschaften.« Daher ist sie mit Ortschaftsräten und -vorsteher in engem Kontakt. Sie hätten ein Gespür dafür, was im Ort wichtig sei – bräuchten aber ihre fachliche Unterstützung. So seien Dorftreffs gegen die Einsamkeit und für die Vernetzung nicht nur auf dem Dorf, sondern auch in der Stadt notwendig. Der Teilort Bühl sei hierfür ein tolles Beispiel. Ehrenamtliche betreiben dort das »Café Zeitlos« für Menschen mit Demenz. Können oder wollen Angehörige nicht mehr selber pflegen, sollen Pflegewohngemeinschaften Abhilfe schaffen. Sechs Einrichtungen dieser Art mit maximal zwölf Bewohnern sollen in den Teilorten realisiert werden. Unterschiedliche Bauträger – wie Vinzenz von Paul oder die Samariterstiftung hätten bereits Interesse gemeldet. Sozialbürgermeisterin Harsch versichert, sie seien mit allen Trägern im Gespräch und erläutert: »Wir wollen kein Modell vorgeben. Auch eine selbstverwaltete Pflege-WG kann interessant sein.« Geplant seien für die Kernstadt ein neues Pflegeheim mit 60 Plätzen in der Südstadt sowie 45 bis 60 Plätzen beim Waldhäuser Ost. Wenn möglich, soll dort ein Pflegeheim und eine Pflege-WG eventuell in Kombination mit ambulant betreutem Wohnen entstehen. 
In der Kernstadt sollen drei Pflege-Wohngemeinschaften eingerichtet werden. So sei ab Oktober 2019 im Güterbahnhofareal Platz für acht pflegebedürftige Menschen. Auch in den Teilorten seien Pflege-WGs geplant. Zudem sei Tages- und Kurzzeitpflege ein festverankertes Angebot. Die Pflege soll unter sozialverantwortlichen Arbeitsbedingungen ermöglicht werden. Daher prüfe die Stadt Kooperationen mit Anbietern. Für Körner von der Fachabteilung der Sozialplanung ist allerdings wichtig: »Je mehr die Angebote im Ort verankert sind, desto mehr Entlastung gibt es für die pflegenden Angehörigen.« Doch dafür braucht es Fachkräfte. Wie viele bis 2030 für die neuen Angebote benötigt werden, konnte Körner nicht beantworten. Ein Imagefilm, der nun in Planung sei, soll den Pflegeberuf als einen guten Arbeitsplatz bewerben.   -tami