TÜBINGEN. Die bunte Unterkunft mitten im Tübinger Behördenviertel auf den Mühlbachäckern ist noch ein Kind der akuten Flüchtlingskrise von 2015/16, schnell errichtet, aber auch solide – für 12 Millionen Euro. Inzwischen sind die Modul-Gebäude ein gutes Jahr in Betrieb und so etwas wie ein Modell. Regierungspräsident Klaus Tappeser lud deshalb die Öffentlichkeit zur Führung und als Ehrengast aus Berlin die Staatsministerin und Integrationsbeauftragte Annette Widmann-Mauz.

Tappeser begrüßte seine CDU-Parteifreundin und stellte zunächst die Erstaufnahmeeinrichtung (EA) als Beispiel für die Flüchtlingsarbeit vor Ort vor. Seinerzeit für etwa 250 Flüchtlinge geplant und schnell auf die doppelte Anzahl von Bewohnern ausbaubar, leben gegenwärtig 100 Frauen mit 54 Kindern an der Wilhelm-Keil-Straße. Elf davon sind sogar dort geboren. Knapp die Hälfte der Frauen und ihrer Kinder (47 Prozent) ist nigerianischer Herkunft, die anderen kommen aus Syrien, dem Irak, Somalia und der Türkei sowie einzelnen anderen Ländern. Eine Zeit lang waren auch Frauen aus dem Hilfsprojekt der Landesregierung für jesidische IS-Sklavinnen in der EA.
Der Dank des Regierungspräsidenten galt zunächst den überwiegend ehrenamtlichen Helfern etwa vom Tübinger Asylzentrum, deren Engagement er als eine »tolle Betreuung« rühmte. Aber nicht nur die Wohlfahrts-Profis vom Diakonischen Werk und der Caritas wurden gelobt, sondern auch medizinische und psychologische Kräfte von »European Homecare« oder »PulsM«, dazu Caterer, Haustechniker oder auch Security-Leute. Denn Sicherheit ist für die geflüchteten Frauen und Kinder nach ihren vielfach schlimmen Erlebnissen besonders wichtig. »Wir brauchen einen ehrlichen Umgang«, sagte Tappeser, »das Schlüsselwort dabei ist Respekt« und sprach von einer »Absage an die Spaltung der Gesellschaft«. Das Herz, so der 60-Jährige, sei nicht links oder rechts, sondern müsse »am richtigen Fleck« schlagen. An »Verstand und Herz« appellierte dann auch Annette Widmann-Mauz, lobte das »zivilgesellschaftliche Engagement als unschätzbaren Wert« und umriss für die Bundesregierung die Ziele der Flüchtlingspolitik und der Integration. Allerdings habe man in der Debatte der letzten Wochen »kein gutes Bild abgegeben«. Die Ängste der vielfach traumatisierten Frauen – auch vor Abschiebung oder Rückführung oder vor den Befragungen der Asylbehörden – stellte danach die Psychologin Cornelie Schweizer auch an Einzelbeispielen in den Mittelpunkt ihrer Schilderungen. Beim Rundgang mit rund 50 interessierten Tübingern, den Marco Rigano als Leiter der Einrichtung anführte, war vielen Frauen und ihren Kindern aber auch anzusehen, dass sie froh sind, nach Elend, Flucht und (oft sexueller) Ausbeutung wenigstens vorläufig in sicheren und gut versorgten Verhältnissen angekommen zu sein. –mab