Überraschende Ausbeute: Experten holen wertvolle Dokumente aus abgebranntem Archiv des Tübinger Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft.

TÜBINGEN. Nach dem Brand eines Institutsgebäudes der Universität Tübingen, ist es überraschend gelungen, wesentliche Teile aus dem Archiv der Alltagskulturen zu retten: Insgesamt drei Tonnen Material konnten Spezialisten und freiwillige Helferinnen und Helfer aus den ehemaligen Räumen des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft (LUI) bergen. Das Gebäude in der Tübinger Biesingerstraße war vergangene Woche unter tragischen Umständen abgebrannt.
In einer Gemeinschaftsaktion hatten das Tübinger Amt Vermögen und Bau (VBA), eine Spezialfirma und Institutsangehörige sich um die Rettung der seltenen oder gar einmaligen Dokumente bemüht. Zunächst seien die einsturzgefährdeten Bauteile und der Dachstuhl abgetragen worden, berichtet Bernd Selbmann, Leiter des VBA, das die Liegenschaften des Landes Baden-Württemberg verwaltet. »Danach konnten wir mit einem Statiker ein Bergungskonzept erstellen, die Decken einzelner Räume abstützen und Außengerüste aufstellen.« Nach dem Brand konnte so ein gesicherter Experte Räume durch die Fenster betreten und Archivalien bergen. 13 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Studierende des LUI waren freiwillig vor Ort, um Archivmaterial zu sichten. Noch vor Ort verpackten sie trockenes Material zur Lagerung und vom Löschwasser durchnässtes Material zum Weitertransport: Eine Spezialfirma wird dieses zunächst einfrieren, um den drohenden Verfall zu stoppen. 
Gerettet werden konnten so rund 500 Tonbänder des Arno-Ruoff-Archivs sowie die dazugehörigen Manuskripte, das Zeitungsausschnitts-Archiv aus den 1930er bis 1990er Jahren, etwa 350 Ordner des LUI-Projektarchivs und rund 250 Ordner des Institutsarchivs sowie Forschungsmaterialien des Kulturwissenschaftlers Professor Hermann Bausinger. In einer zweiten Rettungsaktion soll nun von einer an einem Autokran hängenden Gondel aus die Foto- und Diasammlung geborgen werden. Endgültig verloren sind das Film- und Tonarchiv und ca. 2 200 Fachbücher. 
Alle Beteiligten zeigten sich glücklich über die unerwartete Ausbeute: »Das war eine großartige Gemeinschaftsleistung, der Aufwand war enorm«, sagt Sabine Müller-Brem, Kustodin der Sammlung für Alltagskultur. »Jeder Ordner musste einzeln in Kisten aus dem Haus geholt, gesichtet und umgepackt werden. Aber es hat sich gelohnt: Viele der Dokumente hatten wir schon verloren geglaubt. Nun können sie für die Fachwelt und künftige Studierende erhalten bleiben.« –tw
 

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