TÜBINGEN. Eine erfreuliche Neuigkeit gab es beim diesjährigen Neujahrsempfang auf jeden Fall: Tübingen hat eine neue Ehrenbürgerin. Oberbürgermeister Boris Palmer zeichnete Sigrid Kochendörfer, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Vereins »Hilfe für kranke Kinder«, mit der neu ins Leben gerufenen Uhlandmedaille aus. Seit mittlerweile 27 Jahren arbeitet Kochendörfer im psychosozialen Dienst der Uni-Klinik. »Das war überhaupt nicht uneigennützig, ich habe bei meiner Arbeit viel über das Leben gelernt und durfte viele Menschen kennenlernen«, sagte sie über ihre Begleitung von schwerstkranken Kindern und deren Angehörigen. Früh bemerkte Kochendörfer, dass die Familien häufig in materielle Notlagen geraten, was zu einer zusätzlichen psychischen Belastung führt. So initiierte sie im Jahr 1999 den Verein »Hilfe für kranke Kinder« mit, der letztes Jahr zusammen mit der Dietrich-Niethammer-Stiftung in der neuen Stiftung »Hilfe für kranke Kinder« aufgegangen ist. »In den vergangenen 17 Jahren hat Sigrid Kochendörfer dazu beigetragen, dass die Hilfe für die Patienten unserer Kinderklinik insgesamt 4,2 Millionen Euro Spendengelder erhalten hat«, so Palmer. Kochendörfer bedankte sich bei allen Spendern, einige waren an diesem Abend auch anwesend: »Diese Medaille gehört auch ein Stück weit Ihnen allen.«

Facebook und der ewige Streit
Als aktiver Facebook-Akteur war es Palmer beim Neujahresempfang mal wieder ein Anliegen, auf die Sozialen Netzwerke und die häufig darin verbreiteten »postfaktischen« – er verwendete das aktuell von der Gesellschaft für deutsche Sprache gewählte Wort des Jahres 2016 – Nachrichten einzugehen. »Facebook schafft eine schöne Welt für Sie«, kritisierte das Stadtoberhaupt – in dem Netzwerk finde doch jeder nur genau die Nachrichten, die er auch gerne lesen wolle. Wie gut aufgehoben er sich selbst auf seiner Facebookseite fühlt, dazu machte der Oberbürgermeister so direkt keine Angaben – riet den Bürgern jedoch immerhin neben einem regelmäßigen Blick auf die Facebookseite der Stadt: »Meine Facebookseite müssen Sie nicht unbedingt anschauen«.

Wiese(n) hin oder her
Auch die Diskussion um die Bebauung der Franzosenwiese – ob dies für alle Anwesenden von so großer Bedeutung war, sei dahingestellt – nannte Palmer als Beispiel für eine nicht auf Fakten beruhende, aktuelle Diskussion in der Universitätsstadt. Die bei der Stadt eingereichte Unterschriftensammlung gegen die Bebauung enthalte Behauptungen, die nicht den tatsächlichen Fakten zur geplanten Bebauung entsprechen. So sei einigen vehementen Verteidigern der Wiese nicht bekannt, dass zwei Drittel der Fläche für Flüchtlinge und ein Drittel für Sozialwohnungen geplant ist – wodurch sich die Stadt eine gute Integration aller Bewohner erhofft. So sollen dort nicht, wie in der Unterschriftensammlung angegeben, 300, sondern lediglich 80 Flüchtlinge hier unterkommen. Auch wurde die Fläche, auf der gebaut werden soll, bereits so weit wie möglich verkleinert, um den Wünschen der Anwohner gerecht zu werden – alte Garagenstellplätze sollen durch Wohnhäuser ersetzt und ein großer Teil der Wiese erhalten bleiben. »Zahlreiche Leserbriefe sprachen dem Gemeinderat und der Verwaltung die demokratische Legitimation ab«, klagte Palmer gegenüber dem Publikum. Wo diskutiert wird, wird es wohl immer einen Streit um die Richtigkeit der Fakten geben – nicht nur in Tübingen und nicht nur auf der Facebookseite des Tübinger Oberbürgermeisters – vor allem wenn es um den Naturschutz geht. »Wir werden es nie schaffen, uns in allen Sachfragen zu einigen«, so Palmer – eine wertvolle Erkenntnis zum neuen Jahr.

Über neue Bebauungspläne
Und danach legte der Oberbürgermeister so richtig los – mit der bevorstehenden Neufassung des Flächennutzungsplans. Der Grünenpolitiker referierte mithilfe einer Powerpointpräsentation über die strukturellen Herausforderungen, vor denen die Stadt in den kommenden Jahren steht. Und die sind tatsächlich groß: In den letzten zehn Jahren ist die Bevölkerung um 7 000 Menschen gewachsen, die Geburtenraten sind hoch – Wohnraum wird dringend benötigt. Die Universität benötigt bis zum Jahr 2035 nach eigenen Angaben 50 000 Quadratmeter mehr Nutzungsfläche. In der Uniklinik werden immer mehr Menschen versorgt – dort rechnet man bis zum Jahr 2050 mit einer notwendigen Erweiterung um 36 000 Quadratmeter und auch die Wissenschaft kann ihren Erfolgskurs nur fortführen, wenn genügend Raum zur Verfügung steht. In Tübingen sind also Kompromisse gefragt – vorgesehen sind 40 Hektar neue Gewerbeflächen und 30 Hektar für den Wohnungsbau. Es waren wichtige Fakten, die der Oberbürgermeister beim Neujahresemfang präsentierte. Der Abend, der mit der Ehrung Kochendörfers sehr emotional und hoffnungsschimmernd begonnen hatte, gestaltete sich durch die weitere Themenwahl so jedoch auch etwas emotionslos.     –shi