TÜBINGEN. Tanz bedeutet Emotion und Unterhaltung, doch welche Rolle spielte er im Zweiten Weltkrieg? Bis zum 28. September zeigt das Stadtmuseum Tübingen eine Miniaturausstellung zum Thema »Ballett unterm Hakenkreuz. Tanz in der Zeit des Nationalsozialismus«. Die Ausstellung beleuchtet die bisher noch wenig aufgearbeitete Forschung über den Bühnentanz während des Nationalsozialismus aus zwei Perspektiven. Dabei verbindet das Projekt im Kornhaus die wissenschaftliche Sichtweise mit der persönlich-erlebten.

Die Ausstellungseröffnung bereicherten vor wenigen Tagen die Zeitzeugin und Ballett-Tänzerin Christa Steyer und Viktor Randolf Munteanu, der Sohn der Künstlerin Yvonne Geormaneanu. Beide Biografien der Ballett-Tänzerinnen sind fester Bestandteil der Vitrine am Stadtmuseum.

Die höhere Machtstruktur instrumentalisierte das Ballett, so betraf es jegliche Künste, in der NS-Zeit zu ideologischen Zwecken. Der Tanz spiegelte ausländisches Kulturgut wider und dies war in der Ära Hitlers alles andere als gesetzeskonform. Sowohl französisch als auch italienisch war der Wortschatz im Ballett geprägt und das war dem deutschen Führer ein Dorn im Auge. Das Fremdwortverbot war an der Tagesordnung: Aus dem bis dahin gebrauchten Fachbegriff »Plié« sollte eine »Kniebeuge« werden. Im Stillen wurde der Fachjargon allerdings weiterhin benutzt.

Trotzdem ist das Ballett geduldet worden. Vor dem Stadtmuseum ist dazu eine Aussage des ehemaligen Politikers und einer der engsten Vertrauten Hitlers, Josepph Goebbels markant: »Tanz muss beschwingt sein und schöne Frauenkörper zeigen«.

In der Vitrine Tübingens stehen die Lebensgeschichten der zwei Zeitzeugen und Ballerinas Christa Steyer und Yvonne Geormaneanu, die in der Staatsoper Berlin Pirouetten gedreht haben, im Zentrum. Dort genossen beide ihre Tanz-Ausbildung bei Tatjana Gsovsky, die trotz der Immigration aus Russland, verschont geblieben ist.

Christa Steyer hat eine ereignisreiche Zeit während ihrer Ausbildung in der Staatsoper (1941 bis 1944) vorzuweisen.
»Oft war es so, dass während des Tanztrainings der Bombenalarm ertönte. Wir standen an der Stange und machten Plié, als ein Bombenhagel über ihnen drohte. Da hieß es: Schnell in den Bunker flüchten.« Doch Tatjana Gsovsky sei ehrgeizig gewesen. Bis zum Frappé würden sie es noch schaffen, so hätte sie die Mädchen angespornt.

Ein Koffer. Der Inhalt waren Spitzenschuhe, Watte zum Schutz der Zehen und Lebensmittelmarken – es waren die einzigen und wichtigsten Besitztümer, die Christa Steyer mit in den Keller nahm. »Auf die Spitzenschuhe haben wir aufgepasst, wie auf unseren eigenen Augapfel.« Es war zu damaligen Zeiten ein Luxusgut. Die junge Künstlerin lebte alleine in ihrer Wohnung und verdiente täglich 100 Mark. Dieser Betrag erbrachte in der Phase der Geldentwertung jedoch einen nur mangelhaften Lebensstandard für den einzelnen Bürger. Lebensmittelmarken 1 hätten die Ballettänzer bekommen, das umfasste eine größere Ration an Essen, als die des Großteils der Bevölkerung. Dennoch haben sie oft hungern müssen, hinzu kommt, dass sie einen einen Extremsport ausübten. Man sei ehrgeizig und der Wille zum Tanzen stark gewesen, erzählte die Frau von knapp 90 Jahren vor einigen Tagen vor dem Museum.

Der Audruckstanz diente den Soldaten zur Unterhaltung, selbst als im Herbst 1944 alle Theater geschlossen wurden und nur die Kinos zugänglich gewesen sind. Steyer tanzte zu dieser Zeit im Nachtkabarett, das durchreisende Soldaten unterhalten sollte.

Eine weitere beeindruckende Künstlerin in der Ausstellung ist Yvonne Geormaneanu, die auch unter ihrem weiteren Namen Yvonne von Zoldy bekannt wurde. Die verstorbene Ballett-Tänzerin hat preußische und rumänische Wurzeln und war Tochter eines diplomatischen Handelsattachés von Rumänien. Während des Krieges hat sie mit ihrer Familie verschiedene Berliner Juden mit Lebensmitteln versorgt und ihnen heimliche Unterkunft in ihrer Charlottenburger Wohnung gewährt.

1944 wurde sie mit ihren Eltern in ein Internierungslager, das für deutsche Diplomaten bestimmt war, gesteckt – das sie überlebte. Ihr Sohn Viktor Randolf Munteanu erinnere sich gut an seine Mutter in der schweren Zeit des zweiten Weltkriegs. Als sie Juden aufnahmen, habe sie Kette geraucht, während sie Essen kochte. Ihr einziger Halt sei der Tanz gewesen.

Für die Gestaltung der Straßenvitrine im Stadtmuseum waren die Auszubildenden Nadine Holländer und Jenny Steimle, die zugleich Enkelin Christa Steyers ist, des Internationalen Zentrums für Tanz (InzTanz) zuständig. Ein Mal im Jahr wird ein Projekt von InzTanz in der Straßenvitrine des Stadtmuseums veröffentlicht.