Am Aschermittwoch soll ja alles vorbei sein. Alles? Vielleicht für alle, denen das närrische Fasnets- und Zunfts- und Romm-ond-nomm-Zugs-Gewese gehörig auf den Wecker geht. Die durften heute Morgen den Wecker stellen und sich erleichtert sagen: Uff! Endlich! Ruhe! Aus und vorbei! Der Friede sei ihrer Seele gegönnt. Wenigstens bis zum nächsten Maskenabstauben, Dreikönig 2019. Nichts ist vorbei. Die Narretei macht nur Pause. Und kommt nächstes Jahr wieder mit Macht. Mit Lompa ond Gugga, Hex ond Schabernack. Da dauert die fünfte Jahreszeit dann sogar drei Wochen länger. Der Mond ist schuld.
Die Sache boomt. Und wie! Die Fasnet ist geradezu zu einem Hauptbestandteil der Jugend- und Party-Kultur geworden. Das hätte vor 20 oder 30 Jahren niemand gedacht. Da galt die Fasnet den etwas städtischeren Jugendlichen als dörflich, spießig, altbacken und völlig out. Verzopftes reaktionäres Brauchtum in rückständigen ländlichen, katholischen Regionen. Vorletztes Wochenende feierte die Narrenzunft Scheibengipfel Reutlingen ihr zehnjähriges Bestehen. Man muss sich das vorstellen: in der protestantischen Freien Reichsstadt von Reformatoren wie Matthäus Alber. Sie lud sich für ihr rauschendes Fest befreundete Zünfte aus der Region. Und alle, alle kamen. Im Minutentakt spuckten die Busse Mengen an gruselig maskierten Gestalten aus, die wilde Narrenrufe ausstoßend zur völlig überfüllten Festivität strömten: aus Oberjettingen, Altingen, Nehren, Kirchentellinsfurt. Kaum eine der Zünfte war wesentlich älter als 20 Jahre, die glasklare Mehrheit kam aus protestantischen, ja pietistischen Gebieten.
Auch Tübingen als Stadt des Stifts und Stadt der Wissenschaft ist ja längst erobert, von der Narrenzunft 1993 und den Rosecker Schloss-Ochsen 1990, zu denen sich mittlerweile auch mindestens noch die Schlosszunft und ein Fasnetsclub in Pfrondorf gesellt haben. Die Hirschauer von jenseits der alten Konfessionsgrenze gehören ja schon zu den traditionellen Zünften des Kreises, die in Bühl, und Wurmlingen weitergehen und in der Bischofsstadt Rottenburg noch lange nicht enden, sondern frühestens hinter Hirrlingen. In Maske und Häs manchmal verschiedener Figuren, im Narrenruf mögen sie sich unterscheiden. Der Beginn zu Dreikönig, das Ende am Aschermittwoch, Umzüge und Brauchtumsabende (zu denen auch Hits von Helene Fischer gehören), Rathaus-Stürme und die Weiberfasnacht als »Schmotziger Dauschteg« vereint alle Zünfte der Schwäbisch-alemannischen Fasnet. Die gibt es in dieser Form erst um die hundert Jahre lang, seit dem Rottweiler Narrensprung von 1903.
Die erste Blütezeit soll der Karneval ja als humoristischer Protest gegen die napoleonische Besatzung gehabt haben. Die Bräuche davor liegen im bunten Dunkel. Und in diesen Jahren erlebt die Fasnet ganz ohne Zweifel eine dritte, besonders hippe Blütezeit. Sie sind ja eigentlich recht diszipliniert in ihrer Ausgelassenheit und ihren Exzessen, die Narren. Hoffentlich machen dem Treiben der Vorfall von Eppingen – ein Mädchen wurde über einem Kessel schwer verbrüht – oder die politisch korrekten »#Metoo«-Debatten über sexistische Übergriffe kein Ende. Wär’ »scho a weng schaad«... Meinen kleinen Sohn haben sie beim Hirschauer Umzug mal ratzfatz gepackt und durch so ein Christbaum-Netzrohr geschoben. Der fand das überhaupt nicht mehr witzig, war leichenblass, verdrückte tapfer die Tränen, wollte sofort heim und ging zeitlebens nie mehr zu so was. Gestern war Tübinger Kehraus am Sternplatz, heute Abend gibt es allerorten Abschlussessen: Fisch, Schnecken vielleicht. Im »Museum« servierte man zum Aschermittwoch vor vielen Jahren für die etwas bessergestellten Narren noch Froschschenkel. Das geht aber nun auch überhaupt nicht mehr. Man is(s)t ja schließlich nicht in Frankreich, sondern ist politisch korrekt. -tw