Sie rocken die Verbandsliga. Die TSG Tübingen legte bislang in der Saison einen starken Auftakt hin und steht nach dem ersten Drittel der Saison auf einem einstelligen Tabellenplatz. Unter anderem hat der Aufsteiger mit Jonas Frey einen Torgaranten in seinen Reihen. Doch das allein reicht nicht aus, um in der Liga zu bestehen. Wir haben mit dem Sportlichen Leiter Alexander Wütz und Michael Frick nach dem Tübinger Mannschaftsgeheimnis gefragt.


Hallo Alexander Wütz, wie oft haben Sie sich in den vergangenen Wochen beim Anblick der Verbandsliga-Tabelle gekniffen?
Alexander Wütz: Eigentlich nicht so oft. Klar war es überraschend, dass wir so gut gestartet sind, aber die Mannschaft hat Klasse, und sie hat Charakter. Es war zwar auch ein bisschen Glück dabei, aber das haben wir uns durch viel Einsatz verdient. Es ist gut, dass wir so lang ungeschlagen waren, aber ich hab der Mannschaft auch viel zugetraut.

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Was ist das Geheimnis der TSG?
Wütz: Die Spieler wollen von sich aus den maximalen Erfolg. Sie sind hoch motiviert und sie haben eine sehr hohe Identifikation mit dem Verein. 

Wie zeigt sich das?
Wütz: Zum Beispiel daran, dass die Hälfte unserer Spieler zugleich auch Jugendtrainer bei den TSG-Jugendmannschaften ist. Das ist einzigartig in der Verbandsliga und wahrscheinlich auch in den Ligen darunter.

Woher kommt diese Identifikation? Sie fällt ja auch nicht vom Himmel.
Wütz: Nein, natürlich nicht. Die Spieler wissen genau, wie die TSG funktioniert. Es ist eine bewusste Entscheidung, dass sie diese Philosophie unterstützen. Sie ticken genau so wie die TSG. Das Engagement unserer Spieler ist einzigartig und sorgt für den guten Zusammenhalt.

Wie?
Wütz: Die Jungs bringen sich immer ein. Zum Beispiel haben wir den Stadtpokal in den vergangenen beiden Jahren ausgerichtet, oder wir machen Konzertbewirtungen. Dabei haben die Spieler genau so viel Spaß wie auf dem Platz. Auch außerhalb des Spielbetriebes verstehen sie sich richtig gut. Das ist auch ein Verdienst unserer Trainer: Hut ab vor der Kaderzusammenstellung, für die unsere Trainer verantwortlich sind. Und dadurch kommt dann auch mal etwas ganz Besonderes heraus, wie eine Einladung vom Bundestrainer.


Beim Bundestrainer? Da kommt nicht jeder hin. Wie kam das dazu?
Wütz. Wir haben mit Dieter Thomas Kuhn den Song »Gute Freunde kann niemand trennen« von Franz Beckenbauer aufgenommen und ein Video gemacht. Im Zuge der großen Aufmerksamkeit sind wir von Jogi Löw zu einer Privatparty eingeladen worden, auf der DTK aufgetreten ist. Das war natürlich ein Riesenerlebnis für alle.

Da haben sich bestimmt alle mega drauf gefreut?
Wütz: Naja, sie wussten nichts von ihrem Glück. Wir hatten nur gesagt, dass wir am Freitag auswärts trainieren und sie die Shirts aus dem Video mitnehmen sollen. Wir haben in einem Vorort von Freiburg trainiert und danach gesagt, wir gehen jetzt zu Jogi Löws Party. Da kannst Du Dir vorstellen, dass die gedacht haben, ob wir noch ganz dicht sind. Als es dann tatsächlich stimmte, sind die Augen immer größer geworden. Auch Hansi Flick war da. Es war ein überragendes Erlebnis. 

So ein Erlebnis bleibt. Wie haltet ihr es mit der Jugendarbeit?
Wütz: Die Jugendarbeit ist die wichtigste Säule im Konzept. Wir legen Wert auf kompetente Trainer. Unsere Spieler sind die besten Vorbilder: Jonas Frey ist unser Jugendkoordinator. Zudem trainiert er die B-Jugend. Dass er dazu letzte Saison Torschützenkönig in der Landesliga war und jetzt in der Verbandsliga auch schon wieder vorne dabei ist, ist ein starkes Signal für die Jugendspieler. Dazu haben wir mit Matthias Härtner einen Fachmann, der den Bereich Kinderfußball koordiniert. Neben ihrer Kompetenz sind es einfach auch tolle Typen, die die TSG ausmachen. Und der sportliche Erfolg sowie der enorme Zulauf zeigen uns, dass wir mit dem Konzept richtig fahren.


Ist der Zusammenhalt über Jahrzehnte gewachsen oder erst in den letzten Jahren?
Wütz: Ich bin seit 2003 im Verein. Damals sind wir aus der Landesliga abgestiegen. In der Saison haben wir schon viele Eigengewächse wie Sebi Knoll und Oli Lapaczinski eingebaut. Diese haben über Jahre hinweg den TSG Spirit geprägt und gelebt. Sie haben einen entscheidenden Anteil am Zusammenhalt. Den präsentieren wir jetzt auch nach außen: seit dieser Saison haben wir ein eigenes Trikot, das exklusiv für uns von erima angefertigt wurde. Alle Mannschaften von den Bambini bis zur AH laufen einheitlich zu den Spielen auf.


Was macht Alexander Wütz, wenn die TSG am Ende der Spielzeit auch auf Rang vier steht?
Wütz. Dann machen wir auf jeden Fall ein sauberes Abschlussfest und freuen uns, dass wir den Klassenerhalt so klar geschafft haben, weil die Liga stark ist. Und setzen alles daran, dass wir den Erfolg im Jahr darauf wiederholen können.

Was ja dann schwieriger wird.
Wütz: Das wird man sehen.

Wie viel Anteil hat der Trainer am Erfolg?
Wütz: Einen sehr hohen. Michael Frick ist ja auch ein positiv Verrückter, der zudem noch die E-Jugend bei der TSG trainiert. Neben seiner hohen fachlichen Qualifikation hat er das Händchen und den Zugang zu den Spielern. Er ist sicherlich ein Glücksfall, der sich mit Haut und (seinem spärlichen Rest-) Haar für die TSG einsetzt. Aber auch das gesamte Umfeld mit allen unseren Trainern, ehrenamtlichen Helfern, Sponsoren, Gönnern, dem Vorstand des Gesamtvereins hat Anteil an diesem Erfolg.

Es geht im Leben ja nicht immer bergauf. Was ich da so von Ihnen höre, das deutet aber schon darauf hin, dass die TSG auch im Krisenmodus gefestigt bleibt, also wenn etwa mal mehrere Spiele hintereinander verloren werden.
Wütz. Ich will ein Beispiel nennen: Wir sind vor neun Jahren in die Landesliga aufgestiegen und hatten nach zehn Spieltagen einen Punkt. Wir haben damals am Trainer festgehalten - am Saisonende sind wir sogar ohne Relegation drin geblieben. Da haben wir die Ruhe.

Auch beim Abstieg?
Wütz: Vom Abstieg gehe ich nicht aus. Aber auch dann wird uns nicht die Mannschaft auseinanderfallen, weil eben so eine hohe Identifikation und ein enormer Zusammenhalt dabei sind. Die Spieler sind einfach für die TSG da. Sie sind heiß darauf, in der Verbandsliga zu kicken, aber das ist nicht das Wichtigste. Es zählt noch echte Kameradschaft und die sehr starke Verbindung mit der TSG. Das sieht man auch an den externen Neuzugängen: Es gibt sehr wenige, die nach einer Saison wieder weg sind. Und man sieht es auch an unserem Sportheimwirt.

Was ist mit ihm?
Wütz: Uli Schmetzer, unser Verteidiger hat im Oktober das Sportheim übernommen. Das heißt jetzt Kabine fünf.

Macht er das nebenher oder hauptberuflich?
Wütz. Hauptberuflich. Er hat das mit einem Bekannten übernommen.

Hat der Name eine besondere Bedeutung?
Wütz: Ich würd es mal so interpretieren: Wir haben vier Herrenkabinen, das ist die fünfte. Und steht nicht nur für die dritte Halbzeit offen…

Interview von Dieter Reisner