Er nahm sein Herz in die Hand, setzte sich nicht unter Druck und ließ sich Zeit. Alexander Meister, ehemaliger Oberliga-Kicker des SSV Reutlingen, hob ein soziales Projekt aus der Taufe. Seine Idee: einen Begleitservice für Menschen mit Handicap bei einem Fußballspiel. Eine Aussage von Verantwortlichen des Fußball-Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen dient ihm dabei, neben seiner Überzeugung Gutes tun zu wollen, als Leitsatz. »Der Behindertenservice ist für einen Fußballverein genauso wichtig, wie der exklusive Rahmen für einen VIP-Gast, oder das Bierchen für die Fans«. Wir haben mit dem Beauftragten für Menschen mit Handicap des SSV Reutlingen ein Gespräch geführt, dem vor allem eines wichtig ist: »Wertschätzung, Respekt und Anerkennung für diese Menschen«. 

Hallo Alexander Meister, wie kam es zu ihrem sozialen Engagement beim SSV?
Alexander Meister: Durch meine ehrenamtliche Tätigkeit im Reutlinger Kaffeehäusle bin ich den Menschen mit Handicap nähergekommen.

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Was ist das Ziel von diesem sozialen Engagement?
Meister: Am Ende steht die mobile Überdachung für Menschen mit Handicap im Kreuzeichestadion.

Wie sind Sie vom Kaffeehäusle zu der Aufgabe beim SSV gekommen?
Meister: Da ich schon lange SSV-Mitglied bin und früher für den SSV-Fußball gespielt habe, bin ich mit meiner Idee des sozialen Engagements für Menschen mit Handicap auf den SSV zugegangen. Fußball kann Menschen zusammenbringen, Sport fördert den sozialen Umgang miteinander.

Wer waren die Ansprechpartner?
Meister: Alle Verantwortlichen des SSV Reutlingen, insbesondere Jörg Wahlert , Michael Schuster sowie Norbert Brendle.

Wie wollen sie das Projekt mit Leben füllen?
Meister: Durch Aktionen, gemeinsame Aktivitäten: Wir wollen mit unserem Projekt Menschen mit Handicap gesellschaftliche und kulturelle Lebensräume eröffnen, die ihnen bislang nicht oder nur schwer zugänglich sind. Es sollen auch gemeinsame Netzwerkstrukturen aufgebaut werden. Menschen mit und ohne Behinderungen sollen das Projekt gemeinsam entwickeln, planen und durchführen. Wir freuen uns über jeden Menschen mit Handicap, der als Zuschauer zu den Spielen des SSV kommt. Mein Team und ich betreuen diese Menschen Vorort; vor-, während und nach dem Spiel.

Gibt es da schon Beispiele?
Meister: Ja, im Sommer fand ein Benefizspiel des SSV Reutlingen gegen eine Albauswahl in Pfronstetten zugunsten der Paravan-Stiftung statt. Der Erlös d kam einer Familie mit einem behinderten Kind zugute. Die Paravan-Stiftung unterstützte hiermit den behindertengerechten Umbau des Familienautos. An diesem Tag war eine ganz besondere Chearleadergruppe zu Gast und begeisterte mit Ihrem Auftritt: The Blue Poisons aus Tübingen. Eine tolle Tanzgruppe, in der Rollstuhlfahrer und Läufer Chearleading betreiben. Wir planen weitere Auftritte mit der inklusiven Chearleader-Gruppe Blue Poisons.

Was ist Ihnen wichtig dabei?
Meister: Ich will als Ideengeber positive Signale in den Verein bringen, dass man die Empathie, das Verständnis gegenüber den Menschen mit Handicap bekommt. Der SSV Reutlingen möchte hier einen wichtigen Teil dazu beitragen.

Noch mal auf die Projekte zurückzukommen: Nennen sie doch mal ein ganz Konkretes?
Meister: Das ist die mobile Überdachung am Spielfeldrand. Da hat schon die Stadt Reutlingen mir ein ganz positives Signal dahin gehend gesandt, dieses Projekt mit zu realisieren. Wir wollen die Menschen mit Rollstuhl und deren Begleitpersonen während dem Fußballspiel nicht im Regen stehen lassen.

Von was für einer Größe sprechen wir dabei?
Meister: Die mobile Überdachung soll erstmals im kleinen Rahmen umgesetzt werden, für etwa 4 bis 6 Personen. Sollte der Bedarf da sein, so wäre angedacht, die Überdachung mit weiteren Steck-Modulen zu erweitern.

Was für ein Zeitrahmen haben Sie sich gegeben?
Meister: Minimum ein bis zwei Jahre, bis es endgültig realisiert ist. 


Wenn man an einen Hundertmeterläufer denkt, wo stehen sie dann?
Meister: Wir stehen in den Startlöchern und sind jetzt noch auf der Suche nach Sponsoren für dieses Projekt; dann kann man erst ganz konkret in die Planungen einsteigen.

Wie viele Menschen mit Behinderung sind momentan regelmäßig draußen?
Meister: Es sind noch sehr wenige. Es kommen aber auch Gäste-Fans zu uns ins Stadion. Wir hoffen, dass wir durch unser soziales Engagement noch viele weitere Menschen mit Handicap zu unseren Spielen des SSV begrüßen dürfen.

Wie viele Leute gehören zu ihrem Team?
Meister: Vier, so sind wir gestartet.

So viel ward ihr auch beim Spiel des VfB Stuttgart?
Meister: Ja, zu viert haben wir die 25 Rollstuhlfahrer des VfB Stuttgart betreut, als der Bundesligist vor der Saison ein Testspiel gegen Sevilla im Kreuzeichestadion ausgetragen hat.

Wie war die Reaktion vom VfB?
Meister: Sehr positiv. Wir haben am gleichen Tag noch eine Fan-Freundschaft gegründet zwischen Rollifahrern des VfB und des SSV Reutlingen. Man hat auch beim VfB ein großes Interesse an dem Projekt.

Woher kommt ihr Engagement für diese Sache?
Meister: Das kommt von einer schweren Krankheit, die ich hatte. Da ich sehr aktiv im sportlichen Bereich bin, ging es mir sehr schlecht. Nachdem es gesundheitlich aufwärtsging, habe ich im Kaffeehäusle in Reutlingen angerufen und gefragt, ob ich dort ehrenamtlich arbeiten kann. Ich habe dort eineinhalb Jahre lang, zweimal die Woche bei verschiedenen anfallenden Tätigkeiten mitgeholfen. In Dankbarkeit für die Menschen mit Handicap, die mir große Wertschätzung, Liebe und Lebensfreude gegeben haben, engagiere ich mich für diese Sache. Durch diese Menschen hab ich es geschafft, wieder ins Leben zurückzukommen.


Interview von Dieter Reisner