Redewendungen machen anschaulich. Doch allzu häufig angewendet, verlieren sie an Kraft. Es vergeht wohl kaum ein Tag, an dem das Bild »Wie die Jungfrau zum Kind« nicht irgendwo im Blätter- oder Medienwald auftaucht und nicht selten nervt. Heuer kam uns eine Geschichte zu Ohren, die besser nicht passen könnte auf dieses Sprüchle, da wollen wir doch nicht so sein. Hören wir also mal zu, was Kathrin Kitsch zu erzählen hat. Die 41-Jährige gehört der eher selteneren Gattung der Fußball-Schiedsrichterinnen an und erinnert sich noch genau daran, wie sie dazu kam. Vor 24 Jahren veranstaltete ihr Verein, der FC Trailfingen-Seeburg einen Schiedsrichter-Neulingskurs im Sportheim. Kathrin Kitsch war zum Bewirten eingeteilt und sehr weit davon entfernt, daran teilzunehmen. Schließlich war sie im fünften Monat schwanger. Da hat man zumindest auch perspektivisch andere Pläne. Die Mindestteilnehmerzahl war mit 15 Leuten vorgeschrieben, doch es sind nicht alle gekommen. Da wäre der Verein blöd dagestanden, erzählt die gelernte Industriekauffrau, es hatten kurzfristig zwei abgesagt. Schnell kam einer vom Verein auf die junge Frau zu, »ich sollte mich da einfach mal dazusetzen«.
Pflichtbewusst und hilfsbereit wie sie ist, und interessiert allemal als aktive Kickerin, willigte sie ein. Nun saß sie also an zwei Kursen mit am Tisch, das Thema fuhr ihr buchstäblich in die Glieder, sie hatte die Regeln aufgesaugt wie ein trockener Schwamm und sagte irgendwann zu ihrem Mann: Eigentlich kann ich auch sitzen bleiben, jetzt weiß ich ja schon die Hälfte. So tat sie es dann, schließlich hatte sie ja auch noch wegen der Schwangerschaft die Kickstiefel an den Nagel gehängt. Da blieb als Ausgleich eben die Schiedsrichterei. So kam es dann auch, sie nahm die Hürde der ersten Spiele sogar noch im schwangeren Zustand. Denn wenn man nach bestandener Prüfung nicht in der gleichen Saison fünf Spiele pfeift, dann verliert man die Befähigung gleich wieder. Also stand sie im 7. Monat auf dem Platz und spielte bei den D- und C-Jugendlichen die Unparteiische. Seither steht die Frau ihren Mann auf dem Platz und pfeift nicht nur Jugendspiele. Damit hat sie auf etwas ungewöhnliche Weise eine Aufgabe gefunden, die sie ausfüllt, sie verdient sich ein bissle Taschengeld dazu, bleibt dem Fußball treu, hilft dem Fußball dadurch, und versteht es als prima Ausgleich. Jungen Spielern oder älteren Aktiven sagt sie genau das, wenn es um dieses Metier geht, das nach wie vor händeringend Nachwuchs oder Verstärkung sucht.
Denn ohne Unparteiischen läuft halt nichts, ohne könnten Tausende ihr Hobby nicht ausüben, unsere Gesellschaft würde ärmer werden, ohne die sonntäglichen Kickereien würde schlicht was fehlen. Aber so weit ist es ja noch nicht. Denn dafür sorgen solche engagierten Menschen wie Kathrin Kitsch, die auch unangenehme Situationen auf sich nehmen. Nun hat sie der Württembergische Fußballverband (WFV) für ihr überdurchschnittliches Engagement ausgezeichnet. »Danke Schiri«, sagte der Verband und Kathrin Kitsch nimmt dankend an. Vor allem aber, erzählt sie, habe sie auch persönlich von dieser Erfahrung profitiert. »Ich bin gelassener geworden.« Und das alles, weil sie wie die Jungfrau zum Kind gekommen ist.
Da gab es doch schon mal so einen Fall vor über 2000 Jahren der für Furore gesorgt hat. Aber das ist eine andere Geschichte.