Heimat ist erstens ein Gefühl und zweitens ein Ort, an dem man sich wohl fühlt. Wer jemals in einer Gegend gelebt hat, wo das Miteinander, das Umfeld nicht gepasst hat, der kennt diesen Drang, wieder dorthin zurückzukehren, wo es gut war. Gregor Traber kehrt nun zurück. Aber nicht, weil es bei seinem Verein in Stuttgart schlecht war, im Gegenteil, er trainiert weiter in der Landeshauptstadt. Nein, weil ein paar kleine Prozentpunkte in seiner intensiven Abwägung dafür gesprochen haben, wieder zurück nach Tübingen zu gehen. »Es war eine schwierige Entscheidung«, sagt der 24-jährige Hürdenläufer, der bei den Olympischen Spielen in Rio nur äußerst knapp am Finale vorbeigerannt ist.
Beide Vereine haben es dem Wirtschaftswissenschaftsstudenten nicht leicht gemacht. Beide Angebote waren sehr gut, so Traber, er meint in finanzieller Hinsicht. Die Trainingsbedingungen in Stuttgart mit seinem Coach Marlon Ordo könnten für ihn kaum besser sein, wie er erzählt. Das zählt, der Sport und seine persönliche Weiterentwicklung ist ihm wichtig. Wer in der Weltspitze mitmischt, der muss viel, sehr viel Aufwand betreiben, um noch das eine oder andere Hundertstel herauszukitzeln. Das sprach für die Landeshauptstadt. Aber so vieles andere für Tübingen, das dann am Ende den klitzekleinen Unterschied machte.
Hier studiert er, hier will er sich dem studentischen Leben widmen, es kann ja nicht nur den Sport geben. Hier hat er vor seiner Stuttgarter Zeit fünf Jahre glücklich gelebt, eine gute Zeit gehabt, Kontakte, Freunde, über den Sport hinaus. Zählt das nichts? Doch, bei Traber schon.
Der sympathische Leistungssportler legt an seine Entscheidung eben auch ganz menschliche Werte an oder um es auf einen Nenner zu bringen: was fühlt sich besser an. Wer mit diesem Maß misst, der gewinnt am Ende immer. Da erhielt eben Tübingen nun den Zuschlag und die Unistadt mit seinem umtriebigen LAV Stadtwerke Tübingen freut sich über den großen Namen, der da jetzt für sie an den Start geht. Aber noch nicht in der Wintersaison. Die lässt Traber ausfallen, und steigt erst im Frühjahr ins Wettkampfgeschehen ein. Dann warten keine Olympischen Spiele auf den Hürdenläufer, dann wartet als Höhepunkt die Weltmeisterschaft und dort das Finale. »Etwas anderes kann ich ja nicht sagen«. Und dann erinnert er sich wieder an diese magischen Momente in Rio, an »diese schönsten Augenblicke« im ablaufenden Jahr. »Da war so eine Vorfreude, unbeschreiblich«, schwärmt er. »Ich hatte ein Kribbeln im Bauch als ich dort war, ich war aufgeregt, klar, ich habe alles gegeben. Es war ein schönes Gefühl dort zu starten.«
Man hört ihm gern zu, und kann sich diese Augenblicke fast schon vorstellen. Nachdem er dann aber um etwa zehn Zentimeter das olympische Finale verpasst hat, »da war ich wie in Trance. Das war wahnsinnig hart in den Tagen danach«. Gleichwohl, es war eine große Erfahrung, es hat ihm Selbstvertrauen und Selbstsicherheit gegeben und vieles bestätigt, was er bis dahin geleistet hat. Als neuntbester Hürdenläufer der Welt geht er seinen Sport jetzt an, startet wieder durch, wieder wie nach den vielen überstandenen Verletzungen in seiner noch jungen Karriere. »Das Erlebnis, das Finale verpasst zu haben, macht meine Motivation nun noch größer«, sagt er. »Ich hab den Sommer noch nie so genossen.« Wir drücken die Daumen. Tübingen freut sich auf ihn, Stuttgart freut sich mit ihm.     
–diet