Wer einmal den Rausch der Geschwindigkeit erlebt und das Zerren des Windes an den Haaren gespürt hat, der wünscht sich das immer wieder. Nicht für alle Menschen ist das Gefühl der Freiheit ein Gefühl, das sie sich jederzeit nehmen können. Menschen mit Behinderung sind oft so eingeschränkt, dass sie sich selbstständig nicht aufs Rad setzen können und sich so mit eigener Muskelkraft den Wind in die Haare blasen. Gerd Dörich dagegen kennt dieses Gefühl aus dem Effeff. Der ehemalige Radrennsportler fuhr auf seinem Zweirad jede Menge Rennen, spulte Kilometer um Kilometer herab und genoss inflationär das Gefühl der Freiheit. Das wollte er auch anderen bieten, die nicht so viel Glück im Leben hatten. Zum Glück hatte der Bahnradfahrer gute Kontakte zum Hilfsverein Aktion Hilfe für Kinder aus Bremen und wusste von Aktionen mit blinden Kindern, die hinten auf dem Tandem mitfahren durften. »Das wollte ich auch machen«, sagt der Öschelbronner. Und nahm seine Hinterbeine in die Hand, holte Sponsoren ins Boot, ohne Moos ist halt nichts los, und ließ zwei Tandems in England bauen. Die sind kindgerecht und standen nun für seine selbstlose Idee parat. Vor fünf Jahren riefen sie Schulen und Institutionen zusammen und seither dreht Dörich und sein Radbahnfahrer-Kollege Karsten Wörner mitten im Sommer Runde um Runde mit Kindern. Wer einen Menschen glücklich macht, macht die ganze Menschheit glücklich. Wie viel Glück die beiden bei ihrer Aktion verschenken, das lässt sich nicht ermessen. Glück kennt kein Maß. Rund 60 Kinder waren beim diesjährigen Sommerfest auf der Bahn in Öschelbronn und jedes einzelne Kind durfte seine Runden drehen. Dabei ist nichts vorgeschrieben, jeder junge Mitfahrer bestimmt Tempo und Rundenzahl. Es bleibt selten bei einer. »Das ist für sie wie Achterbahnfahren. Manche steigen ängstlich ein und nach kurzer Zeit wollen sie gar nicht mehr aufhören«, schwärmt Dörich, der heute als Haustechniker arbeitet. Das sei ja auch der Sinn und Zweck der Sache: Kinder sollen Grenzen und Ängste überwinden und vor allem eine Motivation daraus ziehen, dass auch sie was Tolles leisten können.« Aber nicht nur die Kinder profitieren. Auch Dörich nimmt viel mit. »Es ist schon ein großes Glück zu sehen, wie sich die Kinder ein Loch in den Bauch freuen.
Manche drehen im positiven Sinn fast durch und sind berauscht wie nach einer Achterbahnfahrt. Dieses Gefühl, ihnen das geschenkt zu haben, das gibt mir viel.« Aber nicht nur das. Der ehemalige Radprofi arbeitet ja nun in einem Brotberuf als Haustechniker und geht acht Stunden lang diesem Beruf nach. Da bleibt für den trainingsintensiven Radsport nicht mehr viel.
Schon lange hat er damit Schluss gemacht, doch seine wenige Freizeit dreht er an den Kurbeln. Und eben beim Sommerfest für die Kinder. Da spürt der Ex-Radprofi nach vier oder fünf Stunden permanentem Radeln dann schon seine Oberschenkel. »Da bist Du ganz schön fertig.« Da meldet sich mal wieder der Herr Geheimrat aus der ersten Reihe zu Wort, der noch etwas Tiefgründiges zu Gerd Dörichs Geschichte beitragen will. Aber bitte gerne, Herr Goethe: »Das wahre Glück ist die Genügsamkeit, denn die Genügsamkeit hat überall genug.«