Als er seinen neuen Job angetreten hat, da konnte er nicht mehr laufen. Bis zu seiner Wahl als Bürgermeister von Trochtelfingen war Christoph Niesler schon vor dem ein oder anderen Problem davongerannt und hatte es danach, ob privat oder beruflich, mit Leichtigkeit gelöst. Der damals 37-Jährige verfolgte bis zu dem Zeitpunkt, als ihn 2122 Bürger zum Nachfolger von Friedrich Bisinger in sein Amt gehoben haben, leidenschaftlich das erfrischende Hobby laufen. Und zwar ambitioniert. Die Teilnahme am Berlin Marathon gehörte da genauso dazu wie der Halbmarathon in Stuttgart oder Heilbronn oder in Kandel. Und natürlich die entsprechende langwierige Vorbereitung. Kilometer fressen nennt das der Fachmann und Christoph Niesler belohnte sein Bemühen mit Bestleistungen. Im Bürgermeister schlummerte ein Wettkämpfer, der eine Bestzeit von 3 Stunden und 18 Minuten über die Distanz von 42,195 Kilometer auf den Asphalt gelegt hatte. Doch damit war Schluss. Die Aufgaben im neuen Amt haben ihn übermannt, die Termine überrannt und so gammelten seine treuen, teuren Sportlatschen im Keller vor sich hin. Ohne Nutzen ohne Einsatz. Im Lauf der Zeit wuchs das Polster auf den Hüften, gleichförmig zu den Terminen die persönliche Unzufriedenheit über die Körperfülle und geistige Trägheit, die er als Läufer so nicht gekannt hatte. Es nagte an ihm, bis ihm im vergangenen Frühjahr der Kragen platzte und er sich die Zeit nahm, sich selbst wieder körperlich zu belasten. Es ist nicht einfach bei der bürgermeisterlichen Terminflut Zeit zu finden, schon gar nicht mit anderen. »Da muss man flexibel bleiben.« So nahm sich der 38-Jährige vor, wieder laufend durchs Leben zu gehen. Aber Sportler brauchen Ziele, das wissen die Sportsfreunde ganz genau, und da ein wichtiges Ereignis auf den Schwaben zukam, fasste er sich ein Herz, suchte sich ein Fensterle in der Zeit und begann wieder zu trainieren. Und setzte sich ein spektakuläres Ziel: den Marathon in Paris. Mancher Zeitgenosse wird jetzt denken, da kann ich doch auch so hingehen, doch die Metropole zu erlaufen, im besten aller Sinne, das hat noch einmal einen ganz besonderen Reiz und gibt dem Leben einen neuen Kick. Die beste Motivation für seinen Wiedereinstieg gab sich Niesler damit, und als erfahrener Läufer erstellte er sich gleich einen Trainingsplan. Dreimal in der Woche, das musste schon sein, sonst kommt man nicht so auf sein Ziel, mittwochs, freitags und sonntags in der Früh boten sich an und dann schnürte der Schultes auch die Senkel am Schuh. Vor einem Jahr begann die Vorbereitung auf Paris 2018, zudem sich rund 50 000 andere Läufer auch anmelden. Die Vorfreude und der Ehrgeiz treiben ihn an, die Erfahrung aus vielen Rennen aus seiner Vergangenheit geben ihm Sicherheit in der Planung: nicht zu viel auf einmal, regelmäßig Pausen einlegen, sonst wird man nicht schneller und am Ende, auch mal die ein oder andere 30-Kilometer-Schleife mit einbauen. Den Schultes hat es wieder gepackt, mit Disziplin gab er sich selbst wieder die Sicherheit, die Strecke durchzustehen. Auf die Frage allerdings, welches sportliches Ziel er sich gesetzt hat, antwortet er a bissle verdruckt, auch weil ihn am Schluss der Vorbereitung eine Erkältung plagte. Nur soviel lässt er raus: Er hat sich im Vierstunden-Block angemeldet. Na das ist doch ein Wort. Der oberste Trochtelfinger Verwalter gerät aber förmlich ins Schwärmen, wenn er von seinen Laufeindrücken erzählt. Wenn er so am Sonntagmorgen am Alb-Gold-Center ganz einsam dahingehe – nur der Schultes, die wabernden Nebelschwaden, die Sonne, die sich ihren Weg freikämpft – da gehe ihm sein Herz auf. »Aber ich bin ganz ehrlich«, sagt er ganz ehrlich, »eine gewisse Wettkampfnervosität stellt sich schon ein«. Doch die Vorfreude überwiegt: auf diese grandiose Stadt, in der die Liebe lebt und die Straßen Geschichte atmen, wo die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit geboren wurde, hier läuft am 8. April der Trochtelfinger Bürgermeister Christoph Niesler seinen ersten Marathon seit vielen Jahren. Aber nach Paris geht man ja nicht nur wegen des Laufens, der Schultes isch a schlauer Kärle.
Es ist vor allem auch ein Geschenk an sich selbst zum Vierzigsten, den er dieser Tage feiert. Wie heißt es so schön: »Der Schwabe wird mit 40 g’scheit, die andere nicht in Ewigkeit.« Wir wünschen alles Gute.     –diet