Wer wäre da nicht aufgeregt. Bei der Kulisse. Bei der Teilnehmerzahl. Bei der Aufgabe. Es wäre schlicht unmenschlich, es nicht zu sein vor einem Marathon. Wer 42,195 Kilometer vor Augen, vor den Füßen, vor all seinen Sinnen hat, der darf schon a bissle hibbelig sein. Auch ein Bürgermeister. »Wenn die Nervosität im Vorfeld nicht wäre, dann könnte man es mehr genießen«, sagt Christof Niesler nach seinem Laufabenteuer in Paris. Der Trochtelfinger Schultes beschenkte sich selbst mit der Teilnahme an dem Megaevent durch die französische Metropole und war mit rund
50 000 anderen Läufern (oder waren es mehr?) auf die Strecke gegangen. Vorbildlich hat sich der Rathauschef vorbereitet, eine Erkältung hat ihn kurz zuvor noch ein bisschen ausgebremst, aber nicht davon abgehalten, die Schuhe zu schnüren und den historischen Asphalt mit seinen schwäbischen Füßen zu treten. Also lief der Trochtelfinger los, seine Zielzeit, die er sich selbst vorgenommen hat, behielt er zwar im Auge, doch nach der Erkältung war sie eher unwahrscheinlich geworden. Dafür drang anderes in sein Auge: der Champs Elysee, der Arc de Triomphe, die alten ehrwürdigen Häuser von Paris, in denen schon so viel geliebt, gelobt, gemordet und gestorben worden ist, flogen an dem schwäbischen Läuferle vorbei. Ganz gut ging das alles bis Kilometer 25, dann machten seine Oberschenkel zu und den Plan zunichte. Das wird jetzt hart, dachte sich der erfahrene Läufer, als er seine Oberschenkel spürte. Dann begann aus dem Vergnügen ein Kampf zu werden, denn ins Ziel wollte Niesler unbedingt. Die Schritte glichen einer durchdachten Folter und zwangen ihn das ein oder andere Mal zu einem Fluch, den der Dichter Goethe in seinem Götz von Berlichingen verewigt und hoffähig gemacht hat. Doch Niesler schaffte die Strecke. Schon beim Anblick des Zieles explodierten die Glückshormone, je näher es kam, umso mehr flossen sie fröhlich durch die Adern, verwandelten die Qual in pure Freude, und der Trochtelfinger Schultes strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Doch das Glück, wir wissen das, ist nicht von langer Dauer. Es sind Momente, für die es sich lohnt zu leben, aber sie fliegen auch schnell wieder davon. Christof Niesler kann davon ein Lied singen. So himmelhochjauchzend der lange Moment war, so schwer lastete die Bürde der 42,195 Kilometer auf Asphalt auf seinen Oberschenkeln. Auf der Ebene laufen ging, doch Treppen, das war die Hölle, beschreibt der Trochtelfinger die Folgen seines Marathons. Bis Dienstag hatte er damit zu kämpfen, gleichwohl bleibt das wohlige Gefühl, etwas Ungewöhnliches getan und durchgestanden zu haben. Aber damit nicht genug. Schließlich war der Anlass sein 40. Geburtstag, zu dem sich der Schultes was Schönes gönnen wollte. Nach 4:21,41 Stunden hatte er den Lauf beendet, danach folgte die Kür mit leckerem Essen, mit Montmartre, mit Île de la Cité, mit Eiffelturm, dem französischen Way of Life, mit Kunst und mit dem Louvre. Das hat er sich auch angetan. Ja, lieber Schultes, wie lächelt sie denn die Mona Lisa? »Es ist schön, das in echt zu sehen, das hat eine andere Qualität als einfach nur ein Bild in einem Buch. Aber der Andrang ist halt auch ziemlich groß.« Was bleibt von Paris? »Sehr viel. Das nimmt einem keiner mehr. Diese Stadt atmet Geschichte, das spürt man überall. Das war beeindruckend.« Wir ziehen den Hut und sagen Chapeau.     –diet