»Das selbstverwaltete Jugendzentrum ‚Kulturschock Zelle’ lebt und feiert sich selbst.« Das war vergangenen Samstag in den Reutlinger Nachrichten zu lesen und es stimmt beides: Die Aktiven in der Zelle haben sich von Anfang als genau das gesehen, was sie auch heute noch sind - anders. Weit weg von Spießigkeit oder »Kleinbürgerlichkeit«, wie auf ihrer Homepage heute noch zu lesen ist: »Zwischen Industrie, Kleinbürgerlichkeit und kommerzieller Pseudokultur erwachte vor 50 Jahren die Zelle.«

Von Anfang an befand sich in diesem nicht von der Stadt mit einem Sozialarbeiter versehenen und kontrollierten Haus für die Jugendlichen eine freie Zone, die immer auch mit Protest zu tun hatte. Protest gegen Engstirnigkeit, gegen Althergebrachtes, Eingefahrenes und Borniertes. »Ein Treffpunkt für Aufmüpfigkeit« sei die Zelle auch heute noch, schrieb Jürgen Spieß in dem Artikel in den Reutlinger Nachrichten. Gleichzeitig fand in der Zelle die kulturelle Independent-Szene ein Zuhause, fernab vom Mainstream, »ein Gegenentwurf zur etablierten Kultur«, so Spieß. Das war vor 50 Jahren so. Und das ist auch heute noch so. Dass die Jugendlichen – damals wie heute - bei der Stadtverwaltung, bei Polizei und auch bei vielen Bürgerinnen und Bürgern damit auf Unverständnis und Abwehr stießen, dürfte wenig verwundern. Die Kon-frontationen mit Verwaltungen gehören zu der 50jährigen Geschichte der Zelle ebenso dazu wie die geradezu lustvoll ausgetragenen Scharmützel bei ei-nigen Gerichtsverfahren. Oder auch der schon seit Generationen verweigerte Zutritt für Polizeibeamte, der vor kurzem erst wieder das Reutlinger Amtsgericht beschäftigte. Klein beigeben ist nicht die Sache der »Zellis«, wie die aktiven Jugendlichen sich selbst betiteln. Und Rassismus, Sexismus, Diskriminierung haben in der Zelle keinen Platz. 

Als 1968 zehn junge Menschen den Verein »Galerie Zelle« gründeten und zunächst in einem alten Lagerhaus »beim Samensprandel in der Lederstraße« fanden, war das eine Bleibe ungefähr an der Stelle, an der heute das »Billy Bobs« steht. »Bilder, Lesungen, Konzerte, Filme und so« gab es da zunächst zu sehen. Die Galerie wandelte sich aber bald zu einer »Antigalerie«, hin zu einem Kulturzentrum, »in dem Platz war für neue Ideen, für ein anderes Leben, eine andere Kultur, eine Gegenkultur zur braven schwäbischen Bürgerlichkeit«, heißt es weiter auf der Zelle-Homepage. Das hört sich wahrlich nach Alt-68 an, wie auch »endlich gab es eine Chance, einen Raum, in dem Träume Wirklichkeit wurden«.

Nach Umzügen zunächst in die Obere Wässere und dann im Jahr 1996 an den heutigen Standort auf der Echazinsel, zwischen vierspuriger, lärmender Durch-gangsstraße, Tankstelle, Eroscenter und Arbeitsamt. Wenig idyllisch. Aber idyllisch wollten die Zellis es wohl auch gar nichthaben, eher ein bisschen mehr im Zentrum. Allerdings grenzt es schon fast an ein Wunder, dass die Zelle nun das 50jährige Bestehen feiern kann. Offensichtlich haben sich durch die Jahrzehnte hinweg immer Jugendliche gefunden, die in diesem selbstverwalteten Jugendhaus Verständnis für ihren Protest gefunden haben. Dort trafen sie auf Gleichgesinnte, die mit Uniformität nichts am Hut hatten, die anders sein wollten als die Mehrheit der anderen Jugendlichen und der Gesellschaft. Dass sie dabei den Protest gegen Polizei und Stadtverwaltung quasi mit dem Eintritt in das sehr bunte Gebäude auf der Echaz-Insel eingeflößt bekamen, damit wollten und konnten sich die beiden Institutionen nicht abfinden: Sie reagierten etwa mit der Forderung nach einer Gaststättenkonzession oder auch mit immer wieder verhängten Bußgeldforderungen.

Nach 50 Jahren Zelle-Geschichte bleibt eigentlich nur eins zu sagen: Feiert schön. Gut, dass es diesen Gegenentwurf zu »normalen Jugendhäusern« gibt - die natürlich auch ihre Berechtigung haben. Ein Hoch auch auf all diejenigen, die sich in fünf Jahrzehnten nicht kleinkriegen ließen und ein Hoch auf die Zukunft der Zelle. Stadtverwaltung und Polizei müssen sich wohl damit abfinden, dass sie sich mit diesen unangepassten Jugendlichen auch weiter ein wenig herumärgern müssen. Wenn man sieht, was aus den damaligen Zellis wurde, muss man sich kaum sorgen – lauter anständige Leute.