Kommt ein Mann in den Landgasthof und verlangt vom Wirt Geld für eine Wagenwäsche. So könnte ein Witz beginnen, aber genau das soll dem Pächter des Hofguts Übersberg so passiert sein – nicht nur einmal. Denn auf den rund zwei Kilometern des eigentlich gesperrten Forstwegs vom Göllesberg durch den Wald schmutzt das Heilige Blechle bei Nässe ordentlich ein. Eine geteerte Piste zu dem beliebten Ausflugsziel gibt es derzeit nicht. Die 120 Jahre alte, acht Kilometer lange Übersberg-Steige, ausgehend vom Pfullinger Osten, wurde nach gefährlichen Hangrutschungen im September 2017 gesperrt. Auch Wanderer werden gewarnt: »Betreten verboten«.

Alexander Reum, Gastronom und Pächter der im Besitz der Stadt Pfullingen befindlichen Immobilie, nimmt seinen Gästen das Verlangen nach der Autowäsche nicht einmal übel, entschuldigt sich gar. Obwohl er an dieser Malaise unschuldig ist. Der 45Jährige muss bis mindestens Ende des Jahres damit leben, dass »sein« Übersberger Hof samt dem Fluggelände auf der geteerten Straße nicht mehr erreichbar ist. Und dann ist eh Winter, ganz ohne Geschäft.
Lagen schon seit jeher Steine und sogar veritable Felsbrocken im Weg, zog die Stadt 2017 die Notbremse. Bei der Vollsperrung aber wurde eine ordentlich ausgeschilderte Umleitung vergessen. Das kleine Schild an der alten B 312 in Höhe der Martinskirche jedenfalls kann nur entziffern, wer Adleraugen hat. Außerdem steht dort nur: »Umleitung über Göllesberg«. 

Doch wie kommt man, in Teufels Namen, dort hin? Schilder im Tale, etwa explizit mit »Umleitung Übersberger Hof« oder »Segelfluggelände« gibt es keine. Das sorgt natürlich für Verdruss  – vor allem beim Pächter der Gaststätte. Der fühlt sich von der Stadt allein gelassen – und das zurecht.
»Ich habe seit der Sperrung 80 Prozent Umsatzeinbußen, sagt Reum. Hochzeitsgesellschaften kämen ja weiterhin, so Reum, der immerhin noch andere Eisen im Feuer hat. So betreibt er auch das Landhotel Sonnenbühl in Willmandingen. Ortsfremde Ausflügler haben praktisch keine Chance mehr, das Hofgut Übersberg zu erreichen. »Die Leute fahren erst zwei Kilometer bis zur Absperrung, um dann zu erfahren, dass sie wieder zurück nach Pfullingen müssen«, so Reum, der schäumt: »Potenzielle Gäste, die sich allein schon deswegen ärgern, kehren dann auf ihrem Rückweg lieber im Waldcafé ein«. Das ist gewissermaßen die Konkurrenz zum Übersberger Hof, grollt der gut 250 Höhenmeter darüber ansässige Gastwirt. »Ich will doch nichts anderes als eine ordentliche, fachlich korrekt ausgeschilderte Umleitung, aber die Stadt tut nichts.« Der Weg ist das Ziel, heißt es so schön. Leider aber endet der für »Fremde« frühzeitig dann, wenn sie einen »Netto-Umweg« von 15 Kilometern fahren müssen. Dabei verlieren selbst ambitionierte Ausflügler die notwendige Pfadfinder-Hartnäckigkeit. 

Pfullingen, Unterhausen, Holzelfingen, Göllesberg – und dann das Segelfluggelände samt Hofgut Übersberg: Auf der Strecke liegt auch noch das Gasthaus Stahlecker Hof, als alternative Einkehrmöglichkeit für Wochenend-Aktive, »die leider nicht mehr über den oft matschigen Waldweg zu mir weiterfahren wollen«, ärgert sich Alexander Reum. Der Sommer steht vor der vor der Haustüre, die Naherholungssuchenden schwärmen aus. Alexander Reum wurde immerhin von der am Umsatz orientierten Pacht befreit. Seine Grundpacht allerdings muss er in vollem Umfang an die Stadt Pfullingen entrichten, einen fünfstelligen Betrag.
Und wie geht’s weiter? Bei »normalen« Straßensperrungen ist eine Umleitung ruck zuck ausgeschildert. Nicht so beim Hofgut Übersberg. Doch irgendwo ist am Ende eines (Um)weges immer auch ein Silbersteif am Horizont. Pfullingens Ordnungsamtsleiter Manfred Wolf verspricht eine Prüfung – und Gespräche mit der Gemeinde Lichtenstein. Denn ohne eine ordentliche Beschilderung gerade dort bliebe der Übersberger Hof ganz wortwörtlich ein »Geheimtipp« – allerdings im schlechtesten Sinne.