Es kann so spannend und überaus erkenntnisreich sein, zu beobachten, wie Menschen sich im Straßenverkehr verhalten, wenn sie eine Umleitung vorgesetzt bekommen, auf der einfach nur die Regel »rechts vor links« gilt. Doch das gehört zu den nicht sofort verständlichen Bestimmungen der Straßenverkehrsordnung, was aktuell im Reutlinger Südwesten erlebt werden kann. Vorhang auf: Das Spektakel beobachten können Interessierte, wo sich nahe des Penny-Markts die Pestalozzistraße mit der Hermann-Ehlers-Straße trifft. Wegen Asphaltarbeiten in der Alteburgstraße, so das Amt für Tiefbau, Grünflächen und Umwelt, könnte das Umleitungs-Spektakel jedoch schon am Freitag, 9. November ein Ende haben. Derzeit leitet die Stadt den Verkehr nach Stuttgart, Tübingen und Betzingen über die Hermann-Ehlers-Straße zur Gustav-Schwab-Straße, die in Höhe der Pestalozzistraße stadteinwärts gesperrt werden musste. Und in die Gegenrichtung, ebenfalls über die sonst so ruhige Hermann-Ehlers-Straße, muss fahren, wer nach Gönningen oder zur Hochschule will.

Ereignisreiches tut sich nahe des Discounters deshalb, weil im Prinzip schon drei Fahrzeuge reichen, um dort eine Patt-Situation zu erzeugen – keines darf fahren; oder jedes. So ist das mit rechts vor links. Und als Sahnehäubchen kommen dort noch drei Fußgängerüberwege dazu – und der Verkehr obendrauf, der keine 30 Meter entfernt aus der Friedrich-Naumann-Straße für zusätzliche Verwirrung sorgt. Kurz: Wer von dort nach rechts fahren will, hat Vorrang und bremst damit den Umleitungsverkehr in Richtung Gönningen aus. Hinzu kommt der motorisierte Verkehr der Discounter-Kunden. Die müssen am längsten warten, kommen nur schwer auf den Parkplatz des Ladens – oder wieder heraus. »Der größte Aberglaube der Gegenwart ist der Glaube an die Vorfahrt«. Das sagte einst der französische Regisseur und Schauspieler Jacques Tati (1907 bis 1982). Und los geht’s mit dem Kuddelmuddel auf der Piste, wobei die Stadt übrigens keine Schuld trifft. Eine geänderte Vorfahrtsregel an diesem neuralgischen Punkt hätte es dem Verkehr in Stoßzeiten auf gleich zwei Straßen unmöglich gemacht, überhaupt voran zu kommen. Vorbildlich: Alle Haushalte im Reutlinger Südwesten wurden vorab von der Stadt über die Bauarbeiten und die Umleitungsstrecken informiert. Im Internet der Stadt findet sich das auch – unter »Großbaustellen«.

Rechts vor links, wie war das noch einmal? Einem »jungen Wilden« in seinem alten Audi ist das egal, wütend lässt er die Reifen pfeifen – und fährt einfach los. Das lässt auf eine nicht optimale Kinderstube schließen. Nicht anders ist das bei gestressten Leuten, deren lautes Schimpfen und Fluchen selbst durch die geschlossen Scheiben dringt. Und einige Automobilisten sind komplett überfordert, bleiben einfach stehen, trauen sich nicht ins Getümmel  und werden prompt von den Hinterleuten angehupt. Wo der Verkehr sich verknotet und ballt: Wie war das noch einmal in der Fahrschule? Darf wirklich der, der als Erster in diese komplexe Situation gerät, losfahren? Wenn der Verkehr bereits steht, ist das mit dem »Ersten« allerdings schwer auszumachen. Auf jeden Fall aber soll es doch wohl mit gegenseitigen Handzeichen funktionieren? Nach 17 Uhr ist das wegen der Dunkelheit freilich sinnlos. Auch sonst ist das mit dem fröhlichen Winken ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Kommt es da zu Missverständnissen samt Blechschäden kann der angebliche Gentleman der Straße später immer noch sagen, er habe mit seiner Hand doch nur eine Mücke vor dem Gesicht verscheuchen wollen. Diese Warnung jedenfalls haben viele Leute schon vor Jahrzehnten vom Fahrlehrer mit auf den Weg bekommen.