»Jetzt stellen Sie doch einfach die Tempo-30-Schilder auf, da brauchen Sie doch keinen Lärmschutzplan dafür«, polterte Hans Knecht vergangene Woche während der Sitzung des Mittelstädter Bezirksgemeinderats. Angesprochen hatte Knecht damit Gerhard Lude als Zuständigen für Straßen und Verkehr beim städtischen Tiefbauamt. Ein neuer Lärmschutzplan der Stadt soll entwickelt werden, an Ortsdurchgangsstraßen war die Kommune bislang allerdings zumeist ziemlich machtlos, denn: Die Durchgangsstraßen durch Gemeinden und Städte hindurch sind zumeist Landesstraßen – weil sie eben die Kommunen miteinander verbinden. Und dort entschied (bisher zumindest) das Regierungspräsidium über Geschwindigkeitsbeschränkungen und Lärmschutzmaßnahmen. Dem widersprach allerdings der Verwaltungsgerichtshof Mannheim vor kurzem mit einem Urteil: Die Gemeinde Uhldingen-Mühlhofen am Bodensee hatte geklagt, weil sie trotz Nicht-erreichens von Lärmschutzgrenzwerten Tempo 30 auf einer stark befahrenen Landesstraße einführen wollte. Das Gericht gab der Gemeinde Recht und stärkte damit »die Planungshoheit« und eine der Kommune zustehende »Selbstverwaltungsgarantie«. Das gleicht nun einer kleinen Revolution, die Regierungspräsidien werden durch das Urteil ein Stück weit entmachtet. Mit der Folge: Wenn Kommunen nun Geschwindigkeitsreduzierungen einführen wollen, dann können sie das auch. Eigentlich. 

Wird nun also alles besser? »Die Stadt kann ja jetzt hier in der Ortsdurchfahrt Tempo 30 einführen, sie muss es nur wollen«, hatte Ernst Braun in Mittelstadt betont. Ob die Stadt (oder auch jegliche andere Kom-munen in Baden-Württemberg) will – das wird sich nun als große Frage über alle lärmgeplagten Straßen legen. Dass nahezu alle Orte im Landkreis Reutlingen von zu viel Lärm, Verkehr und schlechter Luft geplagt werden, ist dabei kein Geheimnis. Staus wälzen sich jeden Morgen von der Alb in Richtung Kreisstadt und abends wieder zurück. Besonders davon betroffen ist Ohmenhausen. Oder auch Lichtenstein: Zwar gilt in Unterhausen in weiten Teilen schon Tempo 30, das Regierungspräsidium hatte jedoch am Ortseingang der Gemeinde aus Pfullingen kommend auf 250 Meter der Straße die Geschwindigkeitsbeschränkung wieder aufgehoben. Der Gemeinderat konnte das nicht nachvollziehen – zumal die Maßnahme gar keinen Effekt hatte, wie aus den Reihen der Räte heraus zu hören war: Der alltägliche Stau-Wahnsinn führe ja eh dazu, dass kein Fahrzeug schneller als 30 fahren könne. Ein anderer Punkt kommt in Lichtenstein aber noch hinzu: Der drastisch angestiegene Verkehr von Kieslastern, die zwischen der Stuttgarter Region und den Kieswerken auf der Alb hin und herpendeln – immer durch Unterhausen hindurch oder die Stuhlsteige hinauf.

Über den Stau beschweren sich aber mittlerweile Bürgerinnen und Bürger in allen Gemeinden im Land, so auch in allen Reutlinger Teilgemeinden. Egal, ob in Betzingen, in Mittelstadt, Ohmenhausen oder Rommelsbach. Und die Belastung und Belästigung dringt auch von den Ortsdurchfahrten in die Wohngebiete hinein: In den Rommelsbacher Reisweg etwa, in dem bereits Tempo 30 und die Rechts-vor-links-Regelung gelte. »Trotzdem wird dort gerast trotz Unübersichtlichkeit, trotz parkender Autos und trotz Kindergarten-kinder«, hatte eine Bürgerin sich während der Sitzung des Bezirksgemeinderats beschwert. Gerhard Lude rät nun allen Krachgeplagten, bei der Stadt oder bei den jeweiligen Bezirksämtern die Lärmschwerpunkte zu melden. Das könne per Mail ge-macht werden, je mehr Menschen sich über den Verkehrsradau in diversen Straßen beschweren, umso eher könnten dort auch Maßnahmen ergriffen werden. Eine mögliche Maßnahme wäre besonders einfach und besonders effektiv: Wieso sind solche Schwellen auf den Straßen nicht möglich, wie sie in Frankreich an allen Ortstein- und Ortsausfahrten überall gang und gäbe sind? 
»In Metzingen funktioniert das doch auch mit solchen Bodenwellen«, hatte die Rommelsbacher Bürgerin betont. Auch wenn ein Gemeinderatsmitglied behaupte-te, dass dadurch noch mehr Lärm entstehe – die Raser würden durch solch einfache Hindernisse radikal ausgebremst. Und die tiefergelegten, aufgemotzten Fahrzeuge, die heutzutage massenweise durch die Ortschaften rasen und die Anwohner nerven, hätten keine Chance mehr. Was für eine Wohltat wäre das. Eins muss dabei allerdings auch betont werden: Jeder einzelne Autofahrer trägt zum Lärm mit dazu bei. Ob vor der eigenen oder vor anderer Haustür.