Das war schon ein dicker Hund, den Pascal Kober vergangene Woche per »Pressemitteilung« vom Stapel gelassen hatte. Die Überschrift lautete: »Wohlfahrtsverband beklagt Ängste, die er selbst geschürt hat.« Damit reagierte der Reutlinger FDP-Bundestagsabgeordnete auf das Jahresgutachten des Paritätischen Wohlfahrtsverbands und bemängelte, dass der Verband »trotz der guten wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in Deutschland jedes Jahr aufs Neue Alarm schlägt«. Und vor noch mehr Armut warnt. Wie kommt Kober zu solch einer Bewertung? Fast eine Billion Euro Sozialstaatsausgaben, schreibt der FDP’ler als große, düstere Zahl an die Wand. Bei solch einer unglaublichen Summe kann es den Menschen in Deutschland doch gar nicht schlecht gehen, oder, Herr Kober? Er ist auch für mehr Umverteilung - aber eben nicht des Reichtums, sondern »durch einen wirkungsvolleren Einsatz« bei den Sozialausgaben. Damit verdeutlicht der Politiker, der nicht nur evangelischer Pfarrer, sondern auch seit 2018 sozialpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion ist, wessen Anwalt er eigentlich ist - nämlich der der Wohlhabenden. »Die ritualisierte Forderung nach mehr Umverteilung« des deutschen Reichtums löse laut Kober die Probleme der Armen und Benachteiligten nicht. Das stimmt: Wenn es bei der Forderung allein bleibt und der Reichtum sich auch weiterhin in den Händen weniger befindet - dann ändert sich natürlich nichts.

Was sagen jedoch die Wohlfahrtsverbände in Reutlingen zu dieser Kober-Pressemitteilung? Wir haben nachgefragt. Zunächst mal bewerten die Verbände der Liga der freien Wohlfahrtspflege (AWO, Caritas, Diakonieverband, Paritätische und Rotes Kreuz) die momentane Situation ganz ähnlich wie der Bundesverband des Paritätischen: Trotz extrem guter ökonomischer Gesamtsituation in Deutschland »gibt es einen wachsenden Anteil von Menschen in unserer Gesellschaft, der einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt ist«, schreibt Dr. Wolfgang Grulke als derzeitiger Liga-Vorsitzender. »Aus dieser sich vergrößernden Ungleichheit sowohl hinsichtlich des Vermögens als auch der Einkommen entspringt die Kraft, die den inneren Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu zerreißen droht«, so Grulke weiter. Das bedeutet also: Allein mit »größerer Treffsicherheit der Sozialstaatsausgaben«, wie Kober sie fordert, werde diese Ungleichheit zwischen Arm und Reich nicht beseitigt. Die Vorschläge des FDP-Politikers nach mehr »Präventivmaßnahmen und Ursachenforschung«, nach der »Stärkung des Bildungs- und Teilhabepaketes, eine verbesserte Unterstützung schwer erreichbarer Jugendlicher, bessere Zuverdienstmöglichkeiten und ein qualitativ hochwertiger Ausbau der Kinderbetreuung« - all das wären ja durchaus sinnvolle Maßnahmen. Nur: Wo das Geld dafür an anderer Stelle eingespart werden soll - dazu schweigt Kober. 

Was bleibt ist der Vorwurf des Reutlinger Politikers, dass der Bundesverband des Paritätischen Ängste schüren würde. Ängste vor der Armut. Die Frage steht dabei im Raum, was Kober eigentlich mit seiner Pressemitteilung vermitteln will? Hat er nun den Schuldigen gefunden, der für die schlechte Stimmung in Deutschland zuständig sein soll? Ausgerechnet der Paritätische - der sich für die Belange der Menschen am Rande, für die Armen und Benachteiligten einsetzt - soll zuständig sein für den Aufschwung von Fremdenfeindlichkeit, AfD und von rechten Positionen bis weit in die Bundesregierung hinein? Das wäre infam und eine bodenlose Frechheit. Grulke und die Liga sagen: »Wer nicht will, dass die zivilisatorische Bedeutung unserer freiheitlichen, demokratischen und sozialen Verfassung zunächst aus den Köpfen und dann aus dem gesellschaftlichen Miteinander verschwindet, wird diese Ungleichheit und die damit einhergehenden Armutsrisiken bekämpfen müssen.« Und die Liga lädt Pascal Kober sowohl zu einem demnächst beabsichtigten »Beteiligungsworkshop zur kommunalen Armutsprävention« ein wie auch zu einem persönlichen Gespräch. Einfach anrufen, Herr Kober.