Der Anteil älter Menschen an der Gesamtbevölkerung nimmt weiter zu. Und damit auch die Zahl der Rollatoren, denn viele Senioren werden irgendwann ein Handicap beim Gehen haben. Über zwei Millionen Rollis gibt es in Deutschland bereits. Längst gehören sie zum Straßenbild. Den Menschen geben sie ein hohes Maß an Freiheit – als Gehhilfe. Sie sind mithin auch eine praktische Sitzgelegenheit und haben ein Fach für Einkäufe.

Aber Rollis wollen nun einmal geschoben werden. Wenn es dazu noch bergauf geht, werden vielen älteren Menschen die Grenzen ihrer Mobilität eben doch wieder vor Augen geführt. Nicht wenige Senioren wären daher bereit, etwas mehr Geld für diese Geräte auszugeben. Mit Elektromotoren angetriebene Fahrräder, die »E-Bikes«, gibt es längst, und immer mehr Menschen freunden sich damit an. Doch wo bleibt der »E-Rolli«? Diese Frage hat sich der schwäbische Tüftler und Unternehmer Siegfried Herrmann auch gestellt – ausgerechnet beim Golf spielen.

Der Genkinger ist Chef des Familienunternehmens »Bemotec«. Und stets hat er seinen mit vielen Schlägern bepackten, elektrischen Trolley dabei, wenn er in Sonnenbühl trainiert. Gerade auf hügeligem Terrain ist dieser Trolley ein komfortables Heinzelmännchen. »Doch was machen eigentlich alte, gehbehinderte Menschen, wenn es mit dem Rollator bergauf gehen muss?« fragte sich Herrmann. Und machte sich mit seinem Team an die Arbeit. Im Herbst stellte er mit dem »Beactiv+e« eine Weltneuheit auf der Rehatec in Düsseldorf vor.

Das ist die weltgrößte Messe, die Produkte für Menschen mit Behinderungen präsentiert. Herrmanns »Porsche unter den Rollatoren« sorgte am Rhein für mächtig Wirbel. »Wir wurden geradezu überrannt, es gab zahlreiche Vorbestellungen – und wir wurden angefragt, bald auch in Indien oder in Australien auszustellen«, so Herrmann, der seinen Produktionsstandort in Reutlingen hat. Die neue Freiheit auf vier Rädern ist buchstäblich ein Fortschritt und bringt die Menschen auf ganz neue Weise in Bewegung. »Die Frage der Sicherheit und eine selbsterklärende, intuitive Bedienung stehen beim Beactive+e im Vordergrund«, betont Herrmann, der um die Bedürfnisse seiner Zielgruppe weiß.

Der Akku ist gut für 35 Kilometer und aufladbar an jeder Steckdose. Ganz wichtig, so Herrmanns Sohn Peter, der demnächst in die Geschäftsleitung von Bemotec einsteigt, »ist die Bremsunterstützung durch den Elektromotor«. Das bei herkömmlichen Rollatoren manuelle und damit oft ruckelnde Bremsen beim Abwärtsgehen sei für viele Nutzer sehr anstrengend, mit dem
E-Motor sei eine herkömmliche Handbremse überflüssig. Außerdem sorgt der ergonomische Aufbau des Geräts dafür, dass die Menschen ihren Rollator nicht weiterhin in ungesund gebückter Haltung vor sich herschieben. Grau und langweilig war gestern: Den von der Tricon AG in Kirchentellinsfurt designten Rolli gibt’s in vielen Farben.

Dazu kommen wahlweise LED-Scheinwerfer, Satelliten-GPS – und sogar einen USB-Anschluss. Damit können Ärzte und Krankengymnasten Reha-Programme für die Patienten aufspielen, die er dann auf seinem Multimedia-Rollator abrufen kann. Gut zum Beispiel fürs Training nach einer Hüftoperation. Ab Frühjahr 2014 soll der Rolli »Made in Reutlingen« im Sanitätsfachhandel verfügbar sein. Doch der hat natürlich auch seinen Preis.
 
Selbstbewusst nennt Siegfried Herrmann eine Größenordnung zwischen 2 000 und 3 000 Euro. Gut ausgestattete
E-Bikes spielen in der gleichen Liga. Mittelfristig wird die motorisierte Rolli-Mobilität sicherlich eine große Rolle spielen. Bleibt die Frage, ob die Krankenkassen diesen buchstäblichen »Fortschritt« für gehbehinderte Menschen auch »demokratisieren« wollen – und können; sprich: mittels höherer Zuschüsse den Erwerb auch Menschen mit kleinerer Rente ermöglichen. Wünschenswert wäre das allemal.