Wer kennt sie nicht, die Stammtischparolen. Dass »die da oben doch eh machen, was sie wollen«. Oder dass »Flüchtlinge alle Terroristen sind«. Was entgegnet man auf solche Bemerkungen? Die uns meist sprachlos machen oder wir schnell merken, dass der Adrenalinspiegel steigt und »wir in den Grizzlymodus kommen«, wie Dr. Christian Boeser-Schnebel am vergangenen Freitag erläuterte. Und das heißt? Der Adrenalinspiegel steigt auf beiden Seiten, die Emotionen gehen hoch – in solch einem Zustand seien Diskussionen für die Katz.

Um aber künftig besser vorbereitet zu sein auf platte Sprüche sind am Freitag rund 20 Personen zu einem »Argumentationstraining gegen Stammtischparolen« ins Reutlinger Haus der Familie gekommen – darunter Lehrerinnen, Ehrenamtliche aus Asylkreisen, Hauptamtliche der Flüchtlingshilfe, Rentner und eine Pfarrerin. Sie alle wollten mehr erfahren, um »Handwerkszeug für Diskussionen« zu erhalten. »Mir fehlen oft Argumente«, sagte eine Ehrenamtliche. Ein anderer würde am liebsten mit dem Hammer überzeugen, die anderen »plattmachen« mit ihren vermeintlich abstrusen Meinungen. Nach den Ausführungen des Referenten – einem Pädagogen, Psychologen und Politikwissenschaftler der Universität Augsburg – seien »Stammtischparolen« aggressiv rechthaberisch, selbstgerecht, im Schwarz-Weiß-Schema zu verorten und eben platte Sprüche. Solchen Parolen mit Argumenten zu begegnen, bringe gar nichts, sagte Boeser-Schnebel. Dann erhöhe man eher noch das Risiko, dass sich die Positionen weiter verhärten. Stattdessen sollte eine gewisse Offenheit da sein. »Fokussieren Sie sich nicht auf eine einzelne Bemerkung, achten Sie darauf, was dahinter steht«, so Boeser-Schnebel.

Wenn behauptet werde, dass Flüchtlinge alle Terroristen seien, »dann fragen sie nach: wirklich alle Flüchtlinge?« Oder wenn jemand behauptet, »die wollen sich doch alle in unserer sozialen Hängematte ausruhen«. Auch hier könne man nachfragen: »Das habe ich nicht verstanden, können Sie mir das erklären?« 
Christian Boeser-Schnebel habe sich mal mit einem AfD-Sympathisanten unterhalten, der junge Mann sagte, dass er sich vom Rest der Gesellschaft diskriminiert und ausgegrenzt fühle und dass er sich deshalb in seinen Meinungen radikalisiere. »Sehen Sie«, habe der Augsburger Dozent daraufhin gesagt. »Muslimen geht es hier genauso.« Grundsätzlich müsse man eine gewisse Offenheit mitbringen, um sich mit den jeweils anderen Argumenten auseinandersetzen zu können. »Wenn auf beiden Seiten Missionare sitzen, die beide nicht offen sind« und sie einzig den anderen von der eigenen, richtigen Meinung überzeugen wollen, dann könne das nicht funktionieren. Wenn es also zu Gesprächen zwischen den beiden verhärteten Fronten kommen soll, wenn Menschen sich nicht mehr nur in »ihren Echoräumen« beschallen lassen wollen, dann sei Offenheit vonnöten. Wer nicht bereit sei, sich für die Gründe der Argumente der jeweils anderen zu interessieren, der verharre in seinem Schubladendenken. Und in seinem »Grizzly-Modus«, der dazu führt, dass allein bei Erwähnen von manchen Reizworten, sogleich der geistige Rollladen nach unten und der Adrenalinspiegel nach oben rauscht. 

»Wer Angst hat vor den Rechten, muss sich mit ihnen auseinandersetzen«, schlussfolgerte Boeser-Schnebel. Denn: Auf beiden Seiten gebe es Vorurteile und sogar ähnliche Feindbilder. »Die Rechten haben Angst vor einer linken Diktatur.« Ohne die Bereitschaft, miteinander zu reden, werden sich die Haltungen, Vorurteile und die Abwehr gegenüber den politisch anders Denkenden nur weiter verhärten. Mit der Folge, dass die Gesellschaft sich immer weiter spaltet.
Doch was tun, wenn eine ehrenamtlich Engagierte (wie sie selbst am Freitag berichtete) mit einem Syrer in ein Lokal geht und dort am Stammtisch einer sagt: »Da kommt so ein Bombenleger.« Boeser-Schnebels Rat: Zu dem Mann hingehen, fragen, ob sie das richtig verstanden habe, sich von solch einer Äußerung distanzieren, die eigenen Gefühle ausdrücken, sagen, dass sie das sauer mache und betonen: »Ich würde gerne solche Äußerungen nicht mehr hören müssen.« Ob’s tatsächlich hilft? Es käme auf den Versuch an. Auf viele Versuche. Denn: Auch wenn die Anhänger der »Willkommenskultur« glauben, dass sie die Guten sind – eine Annäherung an die Ängstlichen, an die Kritischen wird nur möglich sein, wenn Gespräche zustande kommen.