In Reutlingen gibt es eine Einrichtung, die sich um junge Leute bemüht, bei denen schon viel im Leben schief gelaufen ist. »Rimo« heißt das »Reutlinger Individualmodell«, ein Projekt der Beruflichen Bildung GmbH (BBQ) und des Jobcenters im Landkreis Reutlingen. Viele der jungen Leute zwischen 16 und 25 Jahren können nicht richtig lesen und schreiben, und sie schaffen es auch nicht alleine, ihren Tagesablauf zu strukturieren.

Aus der Schule haben sie nicht viel mitgenommen, für gewöhnlich würde man sie als »bildungsfern« bezeichnen, oder die überkommene Ausdrucksweise »bei denen ist Hopfen und Malz verloren« benutzen. Aber genau das ist es nicht; Was neben den professionellen Kräften des Rimo-Projekts auch ein gutes Dutzend ehrenamtlicher Mentoren unter Beweis stellen wollen – in einer hoch kreativen und gut strukturierten Form der Hilfestellung und der Betreuung, die sowohl das Fördern als auch das Fordern beinhaltet.


Die jungen Frauen und Männer, von denen einige schon einen Drogenhintergrund haben, kriminell geworden sind und oft kein Deutsch können, befinden sich »vor Rimo« in einer wahrhaft verfahrenen Lebenssituation. Ziel ist es, diese Leute fit für die Arbeit zu machen, sie auch zu begleiten, wenn es um Bewerbungen, Praktika in Betrieben und um anstehende Vorstellungsgespräche geht. 


Lust auf eine geregelte Arbeit machen ihnen auf behutsame aber konsequente Weise – fördernd und fordernd – die Experten von BBQ. Eingebunden sind dabei auch ein Dutzend ehrenamtliche Mentoren. Und die haben bei Rimo eine Schlüsselrolle: Junge Erwachsene, die auf Arbeitslosengeld II angewiesen sind, sind bei BBQ in der Gruppe. Die Mentoren aber nehmen sich für Einzelgespräche Zeit, um die Hilfe individuell und passgenau zu organisieren. 

Nach zehn Jahren steht fest, dass Rimo ein Erfolgsmodell ist. Über 60 Prozent der so schwierigen Klientel konnte vermittelt werden, die Leute bekamen einen Job, holten schulische Qualifikationen nach – oder kamen in eine außerschulische Bildungsmaßnahme


Das begeisterte auch Raimund Becker vom Vorstand der Agentur für Arbeit in Nürnberg, der BBQ unlängst deswegen einen Besuch abstattete. »Das sind vielfältige und gute Kümmerer-Strukturen, die ich hier in Reutlingen vorfinde«, lobte er das Team um Fabiola Bräher.


Doch viele Anstrengungen wären womöglich umsonst, wenn es keine ehrenamtliche Flankierung gäbe – die Mentoren. Sie tasten sich heran, bauen Vertrauen auf  und haben vor allem keine Scheu vor Menschen, die bereits in jungen Jahren weitab vom Weg abgekommen sind. Mit ihnen gehen sie dann auch zur Schuldnerberatung und zu Wohnungsbesichtigungen. 


Klaus-Dieter Höhne ist ein solcher Mentor. Der 71-Jährige, als Kaufmann war er 40 Jahre auch im Marketing und im Vertrieb in der Bauindustrie tätig, kennt sich aus mit seinen nicht gerade »pflegeleichten« Gegenübern. »Ich habe keine Angst vor harten Nüssen«, sagt da jemand, der vor über einem Jahrzehnt bereits sehr erfolgreich Mentor von Hauptschülern in Lichtenstein war.


Der Begriff »vielschichtige Vermittlungs-Hemmnisse« ist für den Mann aus der Praxis eine sportliche Herausforderung. Und »Menschenführung« gehörte für ihn früher schließlich zum alltäglichen Geschäft.
Höhne weiß aber auch: »Natürlich klappt nicht immer alles«. Aber dann sei es bisweilen gut und hilfreich, wenn die Hauptamtlichen bei Rimo »die Daumenschrauben anziehen«, so Höhne.


Ein Problem sei leider, so Fabiola Bräher, das rigide Alterslimit: Mit 25 Jahren ist für die »Kundschaft« Schluss – aber der Mensch oft noch nicht raus aus dem Schlammassel. »Ja, die Fristen und die Bürokratie machen schon auch vieles kaputt«, sagt Bräher.


Für mehr Flexibilität kann aber nur der Gesetzgeber sorgen. Und das muss mit Blick auf das so erfolgreiche BBQ-Projekt eine klare Ansage für die Berliner Politik sein – deren Akteure man derzeit im Wahlkampf ja sehr viel besser erreicht als sonst.