»Tübinger Tor und P-Rathaus: Acht Plätze frei, Null Plätze frei«: Die Anzeigetafeln des Parkleitsystems signalisierten am Wochenende: Der Reutlinger Weihnachtsmarkt hat begonnen. Der endet in diesem Jahr bereits am 21. Dezember, was gut ist für die Marktbeschicker, den Einzelhandel vor Ort – und auch für das Publikum. So wird es am Freitag und am Samstag vor Heiligabend für alle Leute, die noch auf den letzten Drücker Geschenke einkaufen wollen, etwas weniger hektisch zugehen.


Ansonsten hat man heuer gefühlt den Eindruck, dass die Hütten in der Oberen Wilhelmstraße etwas luftiger platziert wurden. Glühwein, Feuerzangenbowle, Süßigkeiten und Weihnachtsgebäck, das Nikolaus-Dörfle, die mit Musik beschallte Eislaufbahn, Dresdner Christstollen, Oblaten aus Tschechien – und Leder-Rucksäcke zum Abtransport von alledem: Wer sich genügend Zeit nimmt, findet auf dem Reutlinger Weihnachtsmarkt auch sehr ausgefallene Geschenke zum Fest, muss kurz vor Toresschluss nicht noch in Hektik verfallen, sieht Kunsthandwerk aus Tunesien, Schmuck, wärmende Mützen und Schals, Holzbesteck, putzige Handpuppen oder gar frisch gebackene Kekse für den Hund. 

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Da können es die Besucher verschmerzen, dass die Veranstalter von der »Marktwerkstadt« noch rechtzeitig die Notbremse gezogen haben - und auf die Weihnachtsmarkt-Bühne bei der Marienkirche verzichtet haben. Die war defizitär und passte eh nicht so recht in die kalte Jahreszeit.Wer verpackt sich schon gerne wie ein Nordpol-Forscher, um dort länger als zehn Minuten und Open-Air der Musik zu lauschen?
Und auch den großen Adventskalender auf der Fassade des Naturkundemuseums gibt es nicht mehr. Schon im vergangenen Jahr hatten die Macher des Markts feststellen müssen, dass dem lokalen Handel der Geldbeutel nicht locker genug sitzt, um die Verlosungsaktion »Weihnachtstaler« mit genügend attraktiven Preisen zu unterstützen - zumal der Weihnachtsmarkt einigen Geschäftsinhabern und Pächtern weiterhin ein Dorn im Auge ist. 
Die Buden und Hütten verstellen ganz ohne Zweifel den Blick auf die »zweite Reihe«, wo sich zumeist kleinere Geschäfte befinden. Gespräche und Info-Veranstaltungen brachten da, was absehbar war, keine Lösung. Und die Frage nach möglichen neuen Standorten des Markts liegt weiterhin auf Eis. Nur so viel: Über 80 Prozent der Betriebe, die auf eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer geantwortet hatten, halten den jetzigen Markt »nicht für optimal«, stören sich »an zugestellten Geschäften und Schaufenstern«, so die IHK.


Wie dem auch sei: Die Flaneure können sich auch in diesem Jahr auf drei bewährte Konstanten verlassen: Da sind die Vereine und die Schulen, die sich rund um die Marienkirche sehr gut behaupten können. Für die Krautwickel mit Brot und Schmand der Siebenbürger Sachsen an der Marienkirche beispielsweise standen die Leute lange Schlange. So soll’s sein. Außerdem wird auch den Kindern nicht langweilig. Stockbrote können sie backen, ein Kasperletheater wartet auf sie ebenso wie ein Zauberer - und ein Streichelzoo. Das Zentrum für Action, Spaß und Unterhaltung ist nun der Albtorplatz. Während dort die Kinder auf der Eislaufbahn ihre Runden drehen, können die Eltern – ganz unbeobachtet von ihren Sprösslingen – noch das eine oder andere Geschenk für sie einkaufen.


Nicht zuletzt zeigt der Reutlinger Weihnachtsmarkt partnerschaftliche, europäische Präsenz. Die Briten aus Reutlingens Partnerstadt Ellesmere Port bei Liverpool zeigten erneut, dass ihnen der Schalk im Nacken sitzt. Sie hatten Spaßartikel für »lustige, Betriebs-Weihnachtsfeiern« dabei, wie sie sagten. Das schweizerische Aarau zeigt ab dem Wochenende Präsenz - die Szolnoker aus Ungarn kommen am 15. Dezember.
Das alles macht Freude, gibt Einblicke in womöglich noch unbekannte kulinarische Genüsse. Das wissen auch die Italiener aus dem befreundeten Pistoia. Sie bleiben an der Ecke Nürtingerhofstraße sogar bis zum letzten Markttag.