Er hat sich Zeit gelassen. Sie haben gehandelt. Seine Wut steigert sich von Tag zu Tag. Sie öffnen die Arme und laden ein. Er schreibt böse Briefe und verbreitet Hass. Sie bringen Menschen zusammen. Zwei Extreme treffen aufeinander. 
Deutschland 2019, Reutlingen 2019. Die Kluft könnte größer nicht sein zwischen Menschen in diesen Tagen. Es geht um Migration und vor allem wie wir mit den Menschen, die zu uns kommen, umgehen. Und damit geht es um uns selbst und das zwischenmenschliche Klima, das wir mit unserem Handeln und vor allem auch Denken und Sprechen schaffen. 
Als Zeitungsredaktion erhalten wir regelmäßig Briefe oder Schreibstücke mit Inhalt der verstört. Das ist kein neues Phänomen, sondern mittlerweile Alltag, fast schon Routine. Die Briefe stammen von Menschen, die Menschen verachten, weil sie nicht von hier sind, weil sie anders aussehen, weil sie anders sprechen, weil sie eine andere Kultur haben, weil sie selbst Angst haben um ihr bisschen Existenz. 
Sie schreiben von Nationalismus und Deutschsein und sind selber nicht in der Lage auch nur einen fehlerfreien Satz zu schreiben. Sie entblößen sich selbst und vergiften das gesellschaftliche Klima. 

Ihnen entgegen stehen Menschen, die zupacken, die Situation so annehmen wie sie ist, den Menschen im Menschen erkennen und ihnen ihren Aufenthalt mit den ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten verbessern. Sie agieren zumeist im Stillen, im Hintergrund, ohne viel Aufsehen. Das macht Hoffnung. Vor allem die Geschichte des Ehepaares Schenk aus Sondelfingen, das es tatsächlich fertigbrachte, Schwestern wieder für einen Moment zusammenzuführen. Sie waren aus Syrien geflüchtet und in den Wirren der Flucht auf dem europäischen Kontinent auseinandergerissen worden. 
Der Auslöser für diese Zeilen aber ist ein anderer. Am 23. August 2019 um 17.42 Uhr flatterte eine E-Mail zu uns ins Redaktionsfach. Mit folgenden Zeilen: »Zu ihrer Ausgabe vor ein paar Wochen zum Beginn der Schulferienzeit: Titelbild: Kind mit Migrationshintergrund. Warum? Anteil an der Bevölkerung max. 20 %?«. Sieben Minuten später um 17.49 Uhr schob er noch eine Anmerkung nach. »Außerdem möchte ich noch hinzufügen: Das war schon einmal so und kommt auch sonst oft vor.«  Seine Beschwerde  bezieht sich auf ein  Titelbild, auf dem ein fröhlicher, lebensfroher junger Mensch abgebildet ist, der  mitten im Sprung in die Kamera lächelt. Es war der bebilderte Hinweis auf die großen Ferien. 
Der Schreiber also nimmt ein Bild zum Anlass, für seine Beschwerde. Ein Bild!  Nicht einmal eine persönliche Begegnung. Anhand dessen behauptet er Dinge, die er nicht beweisen kann. Wir sind erschüttert. Doch es geht auch anders. 
          Die Reaktion des Briefeschreibers erinnert an das Stück Andorra des Schweizer Dramatikers  Max Frisch.  Darin geht es um den Jungen Andri, der unehelich mit einer Ausländerin gezeugt wurde und von den Bewohnern Andorras permanent mit Vorurteilen belegt wird, an die er am Ende selber glaubt. Er wird ermordet. Es ist die Geschichte über die Auswirkung von Vorurteilen, Schuld der Mitläufer und die Frage nach der Identität eines Menschen gegenüber dem Bild, das sich andere von ihm machen. Die Geschichte ist aktueller denn je. 
Solche Menschen wie der Schreiber jener vorgestellter  Zeilen urteilt anhand eines Bildes von seinen Mitmenschen und verurteilt. Solche  scheinbar einfachen Sätze sind gefährlich, weil sie sich  ins Alltägliche fressen.  Sie setzen sich nach und nach im Hirn fest. Sie zerstören den Verstand. 
Übrigens erreichte uns der Brief nach vier Wochen. Wer solche Briefe schreibt, der widersetzt sich jeglichem zivilen Dialog. Die Worte sprechen hier eine eindeutige Sprache. 

Ein deutliches Zeichen dagegen setzt die Aktion von Barbara und Heiner Schenk. Sie helfen, packen mit an. Die Sondelfinger fuhren mit sechs syrischen Flüchtlingen zwecks Familienzusammenführung in die Normandie. Autorin Heike Krüger betitelte ihren exzellenten Artikel im GEA mit »Eine Reise in die Glückseligkeit.« Durch das tatkräftige Engagement von Barbara und Heiner Schenk lagen sich nach vielen Jahren der Ungewissheit die beiden Schwestern Mariam und Morfida Hanan mit ihren Kindern wieder in den Armen. Was für Gefühle hier Ringelreihen tanzten, können wir Durchschnitts-Europäer im Wohlfühlheim mitnichten nachvollziehen. Das ist, wie ein Leben retten. Das ist gelebte Mitmenschlichkeit im besten Sinne. 
Das Beispiel des Ehepaares Schenk überragt vieles, doch es gibt in allen Bereichen Menschen, die sich kümmern, hinschauen, zupacken. 

Bei ganz einfachen alltäglichen Dingen, die nie in der Öffentlichkeit landen. Das Klima, das Menschen wie der Briefeschreiber schaffen, zerstört –  aus Miteinander wird auseinander. Dagegen müssen wir uns alle wehren. »Achte auf Deine Gedanken. Sie sind der Anfang Deiner Taten« heißt es immer so schön. 
Jedem der solche Menschen als Störenfriede sieht,  sei  angeraten, für einen kurzen Moment gedanklich die Perspektive zu wechseln. Und sich in eine solche Situation versetzen: Alles zurücklassen, sich selbst und seinen Kindern der Lebensgefahr aussetzen, das Ziel unbekannt. Das kann hilfreich sein.  
Übrigens: der junge Mensch auf dem Titel-Bild von vor ein paar Wochen,  hat keinen Migrationshintergrund, ist Schwabe, Deutscher und ein ganz toller Typ.