»Ich weiß es nicht. Ich kann es noch nicht sagen.« Solche Sätze begegnen uns tagtäglich inflationär in fast allen Lebenslagen. Im beruflichen Alltag verzweifeln daran diejenigen, die mit Herzblut bei der Sache sind und denen ihr Job und damit ihr Auskommen etwas bedeutet. Wer sich der Obrigkeit gegenübersieht, der verzweifelt, wenn er keine konkreten Antworten auf drängende Fragen bekommt. Viele dringende Fragen hatten die Anwohner an das Planungsteam des Regierungspräsidiums Tübingen, das über den Planungsstand der künftigen Ortsumfahrung Reutlingen, den Lückenschluss zwischen B 464 und Scheibengipfeltunnel, informierte. »Ich weiß es nicht. Ich kann es noch nicht sagen.« Diese Zeilen zogen sich wie ein Refrain  durch den Abend in der Wittumhalle. Michael Kittelberger wiederholte sich wieder und wieder. 

Hunderte Augen musterten den Leiter des Planungsteams für die Reutlinger Ortsumfahrung ungeduldig und unzufrieden. Der Beamte konnte bei der ersten Informationsveranstaltung zur Umsetzung dieser Aufgabe noch keine Antworten auf alle Fragen der Besucher, darunter viele Lokalpolitiker und auch Bürgermeister, geben. Das Regierungspräsidium Tübingen war mit zehn Männern und Frauen in die Wittumhalle gekommen, darunter auch Regierungspräsident Klaus Tappeser höchstpersönlich, der sich immer wieder vor seine Mitarbeiter stellte, den Abend bis auf einen Moment souverän moderierte. Das RP hat sich vorgenommen, dieses Vorhaben, das nach dem Bundesverkehrswegeplan bis 2030 umgesetzt werden muss, transparent in die Bevölkerung zu transportieren. Bislang hatte nur die Bürgerinitiative »keine Dietwegtrasse« die Menschen mit Informationen darüber versorgt. Dem Planungsteam saßen rund 350 Menschen gegenüber, die sich Sorgen machen. Wie ein Mantra betonten Tappeser und  Kittelberger wieder und wieder: »Wir beginnen mit der Planung. Wir beginnen bei null. Das Ergebnis muss hieb- und stichfest sein, um rechtlich nicht angreifbar zu sein.« So richtig drangen sie nicht durch. 

Zu vorgefertigt schienen die Meinungen dazu zu sein, zu brennend die Fragen. Sie aber mühten sich. Kittelberger erläuterte, wie komplex solch ein Vorhaben aufgedröselt ist: Bedarfsplanung, Vorplanung, Variantensuche, Vorauswahl bevorzugte Variante, Voruntersuchung, Raumordnungsverfahren, Linienbestimmung, dann erst folgt der Grobentwurf des Entwurfplans. Seufz. Und das ist noch lange nicht das Ende.   Bei der Menge an Aufgaben wundert sich der Laie schon, wieso überhaupt so viele Straßen im Land existieren. Denn schließlich dauert das ja alles nicht nur einen Augenblick. Jahre schleichen dafür durchs Land. Doch solche Vorhaben brennen den Menschen auf der Seele wie Feuer. Spätestens an diesem Abend war dies deutlich zu spüren, manche ließen ihren Emotionen freien Lauf. Vorne saßen die Einen, die den gesetzlichen Auftrag haben, als ausführende Behörde diese Straße, die ehemals als Dietwegtrasse für Unruhe sorgte, zu bauen. Dort die Anwohner von Orschel-Hagen, Sondelfingen, Rommelsbach, die um ihre Ruhe, ihre Idylle, ihre Umwelt fürchten – und noch ein bisschen mehr.  Spätestens die Fragerunde ließ einen tiefen Blick in das Seelenleben der Anwohner zu. Es war keine reine Fragerunde. Viele Stellungnahmen und Statements wurden verlesen oder vorgetragen. 

Beispiel: Bemühungen des Umweltverbunds würden durch neue Straßen konterkariert, so eine Wortmeldung. Keine Frage. Oder: Was bringt es Reutlingen, wenn ein Lkw schneller von Ravensburg nach Stuttgart gelangt? Oder: Warum soll ich noch eine Frage stellen: es steht doch sowieso alles schon fest, warf ein Redner ein, und ließ seinen Emotionen freien Lauf. Ein anderer bezeichnete die Planungsgrundlage als »Armutszeugnis«, sie gehe in eine Richtung, die niemand hier wolle. Dabei ist sie doch ergebnisoffen, also keiner weiß, was am Ende herauskommt? Moderator Ivo Pietrzak mühte sich redlich, die Anwesenden darauf hinzuweisen, doch kurze Fragen zum Thema zu stellen. Es gab wenig inhaltliche Antworten. Immer wieder: »Ich weiß es nicht. Ich kann es noch nicht sagen.« Woher sollten es die guten Frauen und Männer auch wissen? 

Dass im Bundesverkehrswegeplan von einer fiktiven Lärmschutzwand die Rede ist, oder dass die Trasse keine Belastung darstellt, wie es in dem Dossier heißt, dafür können Kittelberger und Co. nun wahrlich nichts. Das sind Konstrukte von Theoretikern, die in weiter Ferne, Berlin, planen. Eines allerdings konnte Kittelberger sicher sagen: im Frühjahr gibt es eine Verkehrszählung. Sie bildet die Grundlage für alle weiteren Planungen. Mit den Ergebnissen sollen Verkehrsmodelle mit verschiedenen Szenarien erstellt werden. Auch für die Schadstoff- und Lärmberechnungen dient dieses Gutachten als Basis. Eigentlich war die Zählung schon für diesen Herbst vorgesehen, doch zu viele Baustellen brächten keine eindeutigen Ergebnisse. 

Eines wusste aber auch Andreas Frosch sicher. »Wir bauen die Trasse zwischen dicht besiedelten Ortschaften«, warf der Aktivist der Bürgerinitiative ein. Schließlich sind in Orschel-Hagen neue Baugebiete in Planung. »Das ist keine Ortsumgehung mehr.»Die wichtigste Erkenntnis aber dieses Abends ist im Grunde eine Selbstverständlichkeit in einem demokratischen Staat, der seine Bürger Ernst nimmt. Man muss offen miteinander reden. Ansonsten wird es eine Verlautbarung von Obrigkeit zum gemeinen Volk. Das will keiner mehr, das braucht keiner mehr. Kittelberger und Co haben versprochen, die Bevölkerung so häufig wie möglich zu informieren, das Verfahren transparent zu halten. Daran wird das RP gemessen. Beim nächsten Treff dann erwarten die Betroffenen mehr Infos.  «Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht sagen», will dann keiner mehr hören.