»Ganz Gallien ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.« Mit diesen Worten beginnt jeder Asterix-Band. Länger als ein gefühltes Vierteljahrhundert lang sträubte sich die übergroße Mehrheit Pfullinger Volksvertreter hartnäckig, oft auf bornierte und populistisch garnierte Weise - aber erfolgreich - gegen die »Invasion« von Tempo 30 in Wohngebieten. Das aber soll nun endlich doch kommen.


Außerdem wurde der »Lärmaktionsplan« beschlossen. greifen. Der ist keine Pfullinger Erfindung, sondern eine verpflichtende Verordnung der EU. Lärm macht nachweislich krank. Und so gibt es Tempo 30 selbst auf der innerörtlichen Bundesstraße 312 in Unterhausen und in Honau, ebenso in der Ortsmitte Ohmenhausens und in Betzingen; nicht zu vergessen Sondelfingen und die Tübinger Straße im Westen.


Und weil verabreichte Medizin auf einmal genommen vielleicht doch weniger bitter schmeckt, als häppchenweise, soll all das zusammen mit der Entschleunigung in den Pfullinger Wohngebieten kommen. Allerdings scheint Letzteres irgendwie schicksalhaft vom Himmel gefallen zu sein.

Denn die 30 000 Euro für die 30-er-Beschilderung bedürfen einer »überplanmäßigen Ausgabe«, heißt es im Beschluss-Vorschlag. Bevor aber die letzte Bastion der Unbeugsamen fällt, lohnt sich noch einmal die Rückschau auf die einzigartige Resistenz einer deutschen Stadt in Sachen Tempolimits. Bis auf wenige innerstädtische Straßen im Zentrum ist die 18 400 Einwohner zählende Stadt an der Echaz immer noch frei von derlei die individuelle Freiheit auf vier Rädern so bedrohenden Zwangsmaßnahmen - selbst in den kleinsten Wohnstraßen.

 

Und in der Echazstadt gibt es bis heute keine stationären Blitzer, auch »Starenkästen« genannt. Äußerst bemerkenswert findet das der Mann, der schon viele Städte beim Lärmaktionsplan beraten hat. Wolfgang Schröder vom Büro BS in Ludwigsburg weiß von keinen vergleichbaren Kommunen, in denen es noch keine zusammenhängenden 30er-Zonen gibt. 


Wir erinnern uns: Regelmäßig ging es in der jeweils letzten Gemeinderatssitzung vor Weihnachten in Pfullingen seit Jahrzehnten um Tempolimits. Geradezu verbissen wurde stets die »Freie Fahrt für Freie Wähler« - pardon: »freie Bürger« beschworen; dies gebetsmühlenhaft und in einem Brustton der Überzeugung, so als ob der Rest der Republik ja wohl plem plem sein müsse, sich diesem Reich des Bösen zu unterwerfen. In Ermangelung nachvollziehbarer Argumente kam am Ende der Sitzungen meist der inbrünstige Schlachtruf (mit drei Ausrufezeichen): »Wir Pfullinger sind gute Autofahrer, da brauchen wir kein Tempo 30«.


Damit ist jetzt Schluss. Die Front war bereits gewaltig am Bröckeln, als im Juni 2016 folgende Nachricht das konservativ-bürgerliche Pfullingen in seinen Grundfesten erschütterte: »Der CDU-Stadtverband setzt sich dafür ein, dass in den Kernzonen der Wohngebiete Tempo-30 eingerichtet wird«. War das etwa späte Einsicht? Nein, weit gefehlt. 


Denn die Pressemeldung endete mit der Feststellung: »Die CDU Pfullingen spricht sich gegen lärmbedingte Geschwindigkeitsbegrenzungen für PKW im Stadtgebiet aus, es sei denn, diese sind durch die errechneten Kennzahlen des Lärmaktionsplanes zur Einhaltung gesetzlicher Regelungen unvermeidbar.« In der Tat: Es ist »unvermeidbar«, der Richtlinie 2002/49/EG des EU-Parlaments zu folgen. Das Gesetz über die »Bewertung und Bekämpfung von Umgebungslärm« gibt es übrigens schon seit 15 Jahren.


Und so sieht’s nun aus: Nachts soll in Teilen der Klosterstraße, auf der Friedrich-/Seitenstraße und in der Gönninger Straße sowie in der stark belasteten Sandstraße – und der Großen Heerstraße der Verkehr auf Tempo 30 eingebremst werden. Unabhängig davon gehen die Echazstädter – ganz freiwillig – auch die flächendeckende Beruhigung der Wohngebiete an. Respekt! So sind also auch die verkehrspolitischen Hardliner von einst im 21. Jahrhundert angekommen.