Nein, mit Pferd und Degen ziehen die Reutlinger Hilfsinitiative »Drei Musketiere« nicht umher, um für Gerechtigkeit zu kämpfen. Markus Brandstetter und seine Mitstreiter – darunter Betül Tomak und Claudia Richter als Mitgründerinnen der Initiative - fliegen in die Türkei, nach Athen oder Serbien. Also dorthin, wo Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und anderen Ländern in oftmals menschenunwürdigen Lagern stranden. Wo sie nicht mehr vor noch zurück können, wie etwa an der türkisch-syrischen Grenze. Die Menschen, die da leben, sind vergessen von der Welt«, sagt Markus Brandstetter. Doch der Reutlinger hat sie gefunden und versucht zu helfen.

»Rund die Hälfte der 3,5 Millionen Geflüchteten in der Türkei sind Kinder«, sagt Brandstetter. »Viele der Frauen dort haben ihren Mann im Krieg verloren, sie selbst kämpfen sich durch«, die Gefahr in die Prostitution abzurutschen sei groß. »Die Lebensumstände in den Lagern können wir uns hier nicht vorstellen.« Begonnen haben Brandstetter, Tomak und Richter im Herbst 2015 mit der Hilfe, »wir haben uns zusammengesetzt und überlegt, was wir tun können«, berichtet der Reutlinger. »Sein Land verlassen zu müssen, alles, was man liebt und kennt – das kann ich mir hier in Deutschland nicht vorstellen«, sagt Brandstetter. Vor Krieg, Bomben und Terror fliehen zu müssen, »dass die Menschen so unglaublich viel Leid erfahren mussten, das ist mein Grund, warum ich helfe«. Das Wichtigste war zunächst (und ist es bei einigen »Missionen« der Drei Musketiere immer noch), »die Menschen mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen«. Natürlich sei das nicht von Reutlingen aus möglich, bei allen mittlerweile mehr als 40 Hilfseinsätzen der Musketiere seien helfende Initiativen und Einzelpersonen vor Ort nicht nur notwendig, sondern ohne sie gar nicht denkbar, wie Brandstetter betont. »Und man lernt dabei unglaubliche Menschen kennen.« So wie Kosta, der seit drei Jahren in Athen für Bedürftige täglich warmes Essen kocht.

»Es ist nicht schön, jemanden zu bemitleiden – schön ist, Menschen zu respektieren«, sagt Kosta in einem Dokumentarfilm den der Reutlinger »Vasee« (Vassilios Parashidis) über die Arbeit der »Drei Musketiere« gedreht hat. Brandstetter lernte Kosta in Athen kennen und konnte ihn gewinnen, um auch Dutzende geflüchtete Familien zu unterstützen. Die Flüchtlinge fanden keine andere Unterkunft als in oftmals einsturzgefährdeten Häusern – allerdings trauen sie sich kaum aus diesen Gebäuden heraus. Weil sie Angst vor Faschisten und anderen Übeltätern haben. In dem Dokumentarfilm berichten die Menschen selbst über ihre verzweifelte und aussichtslose Lage. Andernorts gibt es aber auch Lichtblicke – wie etwa das »refugee village of freedom« südlich von Athen, wo Flüchtlinge auf verlassenen landwirtschaftlichen Flächen Gemüse anbauen können. Auch hier steht die Reutlinger Initiative helfend zur Seite. 

Großartig ist das Engagement von den Drei Musketieren zudem in Izmir, wo in einem sogenannten »Community Center« nicht nur Geflüchtete mit Nahrungsmitteln versorgt werden, sondern auch arme türkische Bewohner des Stadtviertels. Eine Großküche wurde eingerichtet und mit ein paar Nähmaschinen lernen Frauen hier, sich selbst zu versorgen - sie nähen zum Beispiel Rucksäcke. Und die werden unter einem eigenen Label auch in Reutlingen verkauft, der Gewinn wiederum kommt dem Projekt zugute. Eine tolle Idee, die noch viel weiter reicht als die Versorgung der Menschen mit dem Nötigsten. »Es geht bei all der Hilfe immer auch darum, dass die Menschen ihre Würde behalten können«, sagt Brandstetter. Die Reisen, Unterkunft und ihre sonstigen Unkosten bezahlen die Drei Musketiere im Übrigen selbst, betont Markus Brandstetter. »Alle Spenden, die wir kriegen, werden für die direkte Hilfe verwendet.«

Am 19. Dezember wurde die Vasee-Dokumentation unter dem Titel »Brücken über Grenzen - Grenzen überbrücken« bereits zweimal im Reutlinger Kino Kamino gezeigt, weitere Termine sind im Februar geplant. Im Vorraum des Kamino sind im Moment zudem Bilder von den Flüchtlingslagern und dort lebenden Menschen, die Brandstetter selbst aufgenommen hat. »Die Bilder sprechen ebenso wie der Film für sich selbst«, sagt der Reutlinger.