Von wegen »gutes neues Jahr«: Als Petra S. aus Reutlingen am 2. Januar zu ihrer Bank ging, stellte sie fest, dass die Deutsche Rentenversicherung ihr Konto offenbar leergeräumt hatte. Die Frau war von der Behörde für tot erklärt worden. »Das war ein brutaler Schock«, so Petra S. Die Frau erhält eine Erwerbsminderungsrente – und die Miete wird jeden Monat von der Rentenversicherung direkt an die GWG überwiesen. Auch das wäre um ein Haar schiefgegangen, denn sie war ja offiziell nicht mehr am Leben. »Ich hatte Angst, aus der Wohnung zu fliegen«. Wegen ihrer prekären finanziellen Verhältnisse bekommt sie bei ihrer Bank keinen Überziehungskredit (Dispo).
Grundsätzlich »werden zum Zeitpunkt der Kenntnisnahme eines Todesfalles alle Verfügungsmöglichkeiten des verstorbenen Kontoinhabers gelöscht – beziehungsweise gesperrt«. Das sind die Vorgaben des »Rentenservice der Deutschen Post, DHL« an die Banken. So mächtig ist diese Behörde.


Petra S. zitterte am ganzen Körper, war total aufgewühlt – und tat das in diesem Fall jedoch vollkommen Richtige: Sie sprach nach Erhalt eines Briefs des Regionalzentrums der Rentenversicherung in Reutlingen persönlich vor.Die hatte ihr quasi zeitgleich geschrieben: Nach Rücksprache mit dem zuständigen Rentenservice wurde doch festgestellt, »dass Sie fälschlicherweise für tot erklärt wurden. Es handelte sich wohl um eine Verwechslung.« Kein Wort des Bedauerns, keine Entschuldigung, nichts dergleichen. Das kam dann wenigstens mündlich – aber später. Quicklebendig stand Petra S. vor der Sachbearbeiterin. Und die teilte der Frau mit, sie solle doch selbst bei ihrer Bank dafür sorgen, dass der vom Rentenservice eingeforderte Betrag ihr wieder gutgeschrieben werde. Da wiehert der Amtsschimmel nicht nur, das ist ein höchst skandalöses Vorgehen.  Statt sich als Rentenversicherer und in Kenntnis »meiner existenziell bedrohlichen Lage«, so das Bürokratie-Opfer, um die Belange der Reutlingerin zu kümmern, sollte sich die Frau, bitteschön, selbst um diese spektakuläre Behördenschlamperei kümmern.


Mehr noch: Sollte ein Brief des Rentenservice der Post einmal nicht zugestellt werden können, wird der Leistungsempfänger für tot erklärt, bundesweit, augenscheinlich ohne jede Nachfrage und ohne den Versuch, solche Dinge einfach telefonisch abzuklären.  In der Tat war eine Namensvetterin von Petra S. irgendwo in der Republik verstorben. Die Beamtenhochburg hatte aber offenbar keinen Adressen-Abgleich vorgenommen. Zwar wäre es selbst im digitalen Zeitalter möglich, »ganz »analog« einfach mit den Leuten zu reden, bevor man sie für tot erklärt. Nichts dergleichen. Vor einem »behördlichen Todesurteil« könnte man ja auch versuchen, Angehörige zu ermitteln, oder ist das etwa zu viel verlangt? Selbst beim Reutlinger Regionalzentrum der Rentenversicherung wurde nicht nachgefragt.


Immerhin haben die Leute dort mittlerweile reagiert – auf Nachfrage – und recht spät. Petra S. wurde nämlich, so sagt sie, mitgeteilt, dass sie bis zu einer Klärung noch fünf lange, quälende Tage zuwarten müsse. Da wollte sie den Bundes-Rentenservice der Post selbst kontaktieren. Doch die 0180-Nummer beschied der Gepeinigten – am helllichten Tag und automatisiert: »Wir können Sie leider nicht durchstellen«. Die Reutlinger Rentenversicherung um ihren Vize-Dienststellenleiter Markus Robl sorgte mittlerweile dafür, dass die GWG die Januar-Miete für Petra S. überwiesen bekam. Robl und seinem Team sind solche Vorfälle peinlich. Aber sie müssen den Mitteilungen des Post-Rentenservice Folge leisten. Robl ließ durchblicken, dass der »Todesfall« Petra S. »nicht die erste Verwechslung war«. Im Internet wirbt der Post-Rentenservice in der Rubrik »Änderungsmitteilung« sehr beziehungsreich: »Egal was sich in Ihrem Leben ändert, hier sind Sie richtig.« Man könnte hinzufügen: Und im Zweifelsfalle, bei Ignoranz oder Schlamperei unsererseits »werden Sie eben für tot erklärt.«